Die Treibstoffkrise in Russland hat mittlerweile absurde Züge angenommen. Der Kreml bringt nun massenweise Billig-Sprit in Umlauf, um den Anschein von Normalität zu wahren. Die Motorkontrollleuchten glühen – doch das dürfte Wladimir Putins geringstes Problem sein ...
Wer in Russland aktuell auf eine volle Tankladung spekuliert, muss sich in weiten Teilen des Landes in Geduld üben. Die Ukraine trifft die Energieinfrastruktur von Putin seit Wochen dermaßen effektiv, dass der öffentliche Zugang zu Benzin stark gedrosselt wurde.
Krise ist eine Katastrophe für Putin
Der Kremlchef musste Ende Juni höchstselbst im Staatsfernsehen ein „gewisses Defizit“ bei der Kraftstoffversorgung einräumen. Internationale Analysten und Geheimdienste gehen davon aus, dass bereits 35 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten beeinträchtigt oder komplett lahmgelegt wurden. Für den starken Mann in Moskau ist das eine Katastrophe.
Die Öl-Weltmacht Russland muss mittlerweile Treibstoff importieren – beispielsweise von Indien – um kollabierende Versorgungsketten einigermaßen instand zu halten. Selbst Österreichs ehemalige Außenministerin, Putin-Freundin Karin Kneissl, hat nach eigener Aussage Probleme ihr Auto vollzutanken. Von der Krim über Moskau bis ins tiefste Sibirien existieren Videos von langen Schlangen vor Tankstellen.
Die Angst vor sozialen Unruhen ist allgegenwärtig. Die Krise gleicht einem Pulverfass, und frustrierte Russen lassen in den schier endlosen Schlangen mitunter die Fäuste sprechen. Immer wieder kommt es – wie berichtet – zu wilden Schlägereien. Im Ferienort Anapa sollen Kosaken helfen, Konflikte in den langen Warteschlangen zu verhindern.
Moderne Autos gehen kaputt
Durch die systematische Schädigung von Verarbeitungsanlagen ist Russland an einem wirtschaftlichen und sozialen Kipppunkt angelangt. Was also tun? Der Kreml flutet Tankstellen mit minderwertigem Sprit, um sein Gesicht zu wahren. Ein Verbot wurde mittels Regierungsdekret Anfang Juli aufgehoben.
Soll konkret heißen: Russische Raffinerien dürfen bis zum Jahresende Benzin in Umlauf bringen, das lediglich den veralteten Euro-3-Qualitätsstandards entspricht. Zuvor galt in Russland der sauberere Euro-5-Standard. Diese Maßnahme zeigt bereits Wirkung – und zwar bei Autowerkstätten.
Moderne Verbrennungsmotoren können durch das Tanken von Billig-Sprit beschädigt werden. Die Folge: In Russland glühen aktuell die Motorkontrollleuchten. In sozialen Medien machen bereits Videos von starken Verunreinigungen die Runde. Hinzukommt, dass der Neuwagenmarkt durch den Krieg fast ausschließlich von chinesischen Anbietern dominiert wird.
Diese hochmodernen Fahrzeuge reagieren besonders empfindlich auf den Euro-3-Sprit. Auch vor 2022 importierte westliche Modelle sind Medienberichten zufolge hochgefährdet.
Krise könnte Nahrungssicherheit gefährden
Doch kaputte Neuwägen und Schlägereien in den Warteschlangen sind wohl Putins geringstes Problem. Die Krise betrifft vor allem Benzin, bei Diesel kommt es vereinzelt zu Ausfällen – doch die Erntesaison steht bevor.
Da die Landwirtschaft auf Diesel angewiesen ist, warnen Bauern bereits vor einer Versorgungskrise bei Nahrungsmitteln. Russland verhängte am Mittwoch ein Exportverbot für den Kraftstoff. Jeder Liter, der jetzt fehlt, kann später zu einem Dominoeffekt führen.
Und aktuell scheint niemand in Sicht, der das Problem zu lösen vermag. Es hapere Branchenexperten zufolge vor allem bei der Verteilungslogistik: „Es gibt im System weitaus weniger qualifizierte Fachkräfte als früher. Einige haben das Land verlassen, andere sind in alle Winde verstreut, und wieder andere weigern sich schlichtweg, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen“, erklärte der ehemalige Oligarch und russische Oppositionspolitiker Michail Chodorkowski in einem Blogbeitrag.
Anstatt ökonomische Expertise zuzulassen, überlasse der Kreml die Krise dem Inlandsgeheimdienst FSB. Jedes wirtschaftliche Problem werde als „feindliche Sabotage“ deklariert, was an den Zapfsäulen freilich keine Entspannung bringt. Preisdeckel flächendeckend anzuheben, um die Nachfrage vorübergehend einbrechen zu lassen, wird ebenfalls ausgeschlossen. Die Gefahr vor sozialen Unruhen sei zu groß.
Die ukrainischen Drohnenangriffe haben laut Chodorkowski drei hausgemachte Hauptprobleme Russlands schonungslos offengelegt: Korruption, Inkompetenz und die Angst vor der eigenen Bevölkerung.
Moskau redet die Krise klein
Putin redet die Probleme hingegen weiterhin klein. Die Ukraine habe lediglich das Ziel, für Nervosität im Land zu sorgen. „Wir alle hier verstehen, dass diese Aufgabe unerfüllbar ist“, sagte der Kremlchef am Mittwoch auf einer von ihm einberufenen Sitzung zur Lage. Russlands Energiesektor habe einen der größten Sicherheitspuffer weltweit. Es sei nur nötig, die Arbeit mit den Ölkonzernen so zu organisieren, dass sie „überflüssigen Treibstoff“ nicht als Reserve für die eigene Tankstellenkette vorhielten, sondern mit unabhängigen Anbietern teilten.
Aus Moskau hieß es zudem, dass die Produktion von Kraftstoffen geringerer Qualität noch weiter hochgefahren werden soll. Wer der Krise entkommen will, muss wohl auf einen alten Lada umsteigen ...
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.