Irrtum aus Brüssel?

Experten zerlegen Sika-Hirsch-Argument der EU

Niederösterreich
08.07.2026 17:30

Idylle pur in der Buckligen Welt – noch! Auf dem Biohof der Familie Bernsteiner in Lembach (NÖ) leben 42 Sika-Hirsche in einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Doch eine EU-Verordnung verlangt, dass die Tierart bis spätestens 2027 aus Österreich verschwinden soll. Für viele Züchter steht damit die Existenz auf dem Spiel. Brisant: Wildtierexperten widersprechen nun dem zentralen Argument aus Brüssel.

„Absoluter Nonsens“, schüttelt Landwirt Thomas Bernsteiner den Kopf. Er hat allein 45.000 Euro in das Gehege investiert und den Betrieb im Jahr 2018 aus persönlicher Überzeugung im Nebenerwerb aufgebaut. Viel schlimmer als die wirtschaftliche Seite wiegt für ihn aber die Ethik: „Dass man einen gesunden Bestand von heute auf morgen ausknipst, ist dem Tierschutz gegenüber nicht vertretbar.“

Verordnetes Liebes-Verbot
Ein erster Schritt folgt ab August. Die EU verlangt einen sofortigen Stopp der Fortpflanzung. Männliche und weibliche Tiere müssen im Gehege räumlich getrennt werden. Mitten in der Brunftzeit bedeute das reine Tierquälerei, schlagen Experten Alarm. Veterinärmedizinerin Dr. Charlotte Klement, auch Bezirksjägermeisterin in Güssing und langjährige Obfrau der Farmwildhalter im Burgenland, warnt: „Die Tiere suchen sich. Es wird zu schweren Kämpfen im Gehege und massiven Stresssituationen kommen.“

Auch die von der EU verlangte Kennzeichnung mittels Ohrmarken sei durch die notwendigen Narkosen bei Wildtieren lebensgefährlich. Klement: „In den Verordnungen wird die Biologie der Tiere vollkommen vernachlässigt.“

Landwirt Thomas Bernsteiner
Landwirt Thomas Bernsteiner(Bild: krone.tv )

Experten entkräften Kreuzungsmythos
Das Brüsseler Hauptargument, dass sich entkommene Sika-Hirsche unkontrolliert mit dem heimischen Rothirsch kreuzen könnten, entkräftet Wildtierexperte Stefan Sallmutter. Er führte vor 35 Jahren im Auftrag der Forstverwaltung Draskovic einen wissenschaftlichen Kreuzungsversuch unter dem Namen „Semi Ferox“ durch.

„Unsere wissenschaftlichen Versuche belegen, dass sich die Arten instinktiv komplett meiden, da sie durch optische Unterschiede, völlig verschiedene Brunftzeiten, differenzierte Gerüche und eine gänzlich andere ,Sprache‘ im Paarungsverhalten im Grunde ethologisch isoliert sind. In einer natürlichen Umgebung ohne räumlichen Zwang ist eine Hybridisierung aufgrund dieser massiven Kommunikations- und Verhaltensbarrieren in den ersten Jahren somit fast unmöglich oder tritt, wenn überhaupt, nur extrem verzögert auf, erklärt Sallmutter.

Hans Weber vom NÖ Wildtierverband und Wildtierexperte Stefan Sallmutter beim krone.tv-Dreh
Hans Weber vom NÖ Wildtierverband und Wildtierexperte Stefan Sallmutter beim krone.tv-Dreh(Bild: krone.tv )

„Die Sika-Brunft ist rund einen Monat später als beim Rotwild und dadurch biologisch völlig unattraktiv“, ergänzt auch Dr. Klement. Erst nach zwei bis drei Jahren Gewöhnung wäre eine Kreuzung überhaupt möglich – und auch nur, wenn es sonst für die Tiere keine andere Möglichkeit gäbe. Zudem wäre ein Überlaufen in die freie Wildbahn aufgrund der enormen Dichte an Wildkameras kein Problem. „Ein Sika-Hirsch würde sofort erkannt“, so Klement.

Die wichtigsten Fakten

Der EU-Beschluss: Brüssel hat den Sikahirsch als „invasive Art“ eingestuft. Zucht, Haltung, Transport und Handel sind europaweit strengstens verboten.

Der Plan: Bis August 2027 müssen alle Gehegebestände in Österreich vollständig aufgelöst werden. Das bedeutet das Aus für rund 7.000 Hirsche im Land.

Der Zeitdruck: Bereits ab August dieses Jahres greift das Liebesverbot – männliche und weibliche Tiere müssen strikt getrennt werden, damit keine Kälber mehr nachkommen.

Die Betroffenen: Über 250 landwirtschaftliche Betriebe und Gehege in Österreich stehen vor dem Ruin. Der geschätzte wirtschaftliche Schaden liegt bei rund 16 Millionen Euro – ohne jede Entschädigung.

Das Brüsseler Argument: Die EU befürchtet, dass entkommene Sikahirsche den heimischen Rothirsch durch Kreuzung (Hybridisierung) genetisch verdrängen.

Absurde Fleisch-Importe aus Übersee
Während heimische Kleinbauern vor dem Ruin stehen, importiert die EU jährlich 10.000 bis 12.000 Tonnen Wildfleisch per Schiff aus Neuseeland – allein 374 Tonnen nach Österreich. Für Hans Weber vom Wildtierverband eine absurde Farce. Während in Neuseeland Schlachtbetriebe unter massivem Stress beliefert werden, entzieht das Verbot unseren Bauern, die stressfrei in gewohnter Gehege-Umgebung Spitzenqualität produzieren, die Existenz.

Für Weber ist das Gesetz ein Fiasko: „Unsere Bauern stehen vor dem Abgrund. Viele, mit denen ich telefoniert habe, sind nervlich komplett am Ende.“ Sollte die Politik nicht einlenken, droht den Tieren 2027 die Massen-Keulung. Österreich versucht in Brüssel eine Kehrtwende zu verhandeln – ein banger Wettlauf gegen die Zeit.

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