Bericht rüttelt auf

Kinderschutz in Ferienlager: Keine klaren Regeln

Tirol
07.07.2026 20:47

Die Kinder- und Jugendanwaltschaft Tirol registriert vermehrte Anfragen und Beratungen und kritisiert fehlende Standards bei Ferienlagern, Vereinen und ehrenamtlichen Strukturen. Aktuelle Entwicklungen und Berichte zeigten, dass Kinderschutzkonzepte auch in stationären Einrichtungen nicht durchgehend umgesetzt sind.

Stress in der Schule? Ausgegrenzt und alleine? Probleme zu Hause mit Eltern oder Geschwistern? Ärger mit der Polizei? Beschimpft und gedisst? Streit mit Freundinnen? Von Gewalt betroffen? Beziehungskrach? Die Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJA) kennt sich mit Problemen dieser Art aus. Auf Flyern, Broschüren und im Netz wendet sie sich an potenziell Betroffene: „Wir sind da, wenn Kinder und Jugendliche uns brauchen“, betont Lukas Trentini, Leiter der weisungsfreien Einrichtung.

Im Vorjahr feierte das nunmehr achtköpfige Team das 30-jährige Bestehen. Seitdem ist die Zahl der Beratungskontakte von 2500 auf 3000 gestiegen. 350 Einzelfälle wurden 2024 bearbeitet, ein Jahr später waren es bereits 456, nennt Trentini Zahlen aus dem alle zwei Jahre erscheinenden Tätigkeitsbericht.

Schutz von Kindern nicht durchgängig gewährleistet
Die Sichtbarkeit auch in den Bezirken sei gestiegen, ergänzend konnte die KiJA durch zusätzliche finanzielle Mittel die Bildungsarbeit in den Tiroler Schulen zu Kinderrechten sowie zu Jugendschutz und Jugendstrafrecht stark erweitern. Bei mehr als 450 Workshops konnten mehr als 11.000 junge Menschen direkt von der KiJA erreicht und über Kinderrechte aufgeklärt werden.

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Es braucht verlässliche, niederschwellige Schutz- und Beschwerdestrukturen, die für junge Menschen tatsächlich erreichbar sind. 

Martin Ritzer, Sozialarbeiter

Die KiJA Tirol sieht weiterhin deutlichen Handlungsbedarf im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Aktuelle Entwicklungen und Berichte zeigten, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen nicht durchgehend gewährleistet ist. „Wir sehen sehr deutlich, dass insbesondere im Bereich der psychischen Belastungen, bei fehlenden Krisenplätzen und beim Übergang ins Erwachsenenleben Lücken bestehen.“

Ferienlager und Vereine: Wo der Schuh drückt
Dringenden Handlungsbedarf ortet man auch beim Kinderschutz, insbesondere in den Bereichen Mobbing in der Schule sowie bei Ferienlagern, Internaten, Sportvereinen und ehrenamtlichen Strukturen. Hier bestünden erhebliche gesetzliche Lücken. Weder eine Meldepflicht noch gesetzlich verankerte Qualitäts- und Kinderschutzstandards seien derzeit vorgesehen. „Gerade in Ferienlagern, wo Kinder über längere Zeiträume in abgeschlossenen Strukturen betreut werden, braucht es klare und überprüfbare Schutzmaßnahmen“, betont Trentini. „Klare Vorgaben für Personal, Beschwerdemöglichkeiten und behördliche Kontrolle sind nötig.“

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Die Verwirklichung der Kinderrechte ist für Gesellschaft und Politik moralischer Auftrag und gesetzliche Verpflichtung. 

Simone Altenberger, KiJA-Juristin

Beim Kinderschutz darf nicht gespart werden
Lücken werden auch in der Inklusion von jungen Menschen mit Behinderungen geortet. Sie seien nach wie vor einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Gewalt zu erfahren. Vorsorglich und eindringlich wird vor Budgetkürzungen gewarnt: Kinderschutz sei gesetzlich verankert. 

Lukas Trentini, Leiter der Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJA), im Gespräch mit ...
Lukas Trentini, Leiter der Kinder- und Jugendanwaltschaft (KiJA), im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Philipp Neuner(Bild: Christof Birbaumer)
Interview
„Fälle, in denen Systeme an Grenzen kommen“

Lukas Trentini, Leiter der Kinder- und Jugendanwaltschaft, plädiert im „Krone“-Interview für eine bessere Vernetzung von Beratungssystemen.

„Krone“: Wie geht es Ihnen bei solchen Fällen wie jüngst im Oberland, wo ein siebenjähriges Mädchen massiv vernachlässigt worden ist?
Trentini: Der konkrete Fall, von dem Sie jetzt sprechen, der ist gar nicht bei der KiJA gelandet, aber natürlich habe ich das mitbekommen. Die Realität zeigt, dass wir immer wieder sehr spezielle Situationen haben, wo die Systeme grundsätzlich einfach total an ihre Grenzen kommen. Die beratenden Systeme müssen einfach enger zusammenarbeiten, damit wir solche Fälle und solche Entwicklungen vermeiden können. Es ist unser Beitrag als Kinder- und Jugendanwaltschaft, dass wir immer wieder diese Vertreterinnen der Systeme zusammenholen.

Die genannten Fallzahlen sind ja sehr abstrakt. Können Sie diese nach Bereichen einordnen?
Wir haben über den Bildungsbereich sicher die meisten Kontakte. Das sind die genannten Workshop-Kontakte, da haben wir diese Zahl von rund 11.000 in den zwei Jahren. Und in den Beratungen haben wir rund 7800 Kontakte zu Kindern und Jugendlichen über Einzelfälle. Und dann haben wir über die Sprechstunden noch einmal circa 800 junge Menschen, die in der vollen Erziehung untergebracht sind. Bei Veranstaltungen kommen wir mit vielen weiteren jungen Menschen in Kontakt.

Wie werden Sprachbarrieren überwunden?
Wir können seit dem Vorjahr Videodolmetsch verwenden, um mit jenen in Kontakt zu kommen, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt bei rund zehn Prozent.

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