Was mit einer veritablen KATARstrophe begonnen hat, entwickelt sich immer mehr zu einem kleinen Sommermärchen – erstmals seit 1954 (!) hat die Schweiz bei einer Fußball-WM das Viertelfinale erreicht! Diesen historischen Erfolg machte die eidgenössische „Nati“ vor rund 52.000 Zuschauern im BC Place Stadium von Vancouver klar, wo sie die „Cafeteros“ aus Südamerika im Elfmeter-Schießen mattsetzte. Während die Kolumbianer ihr zweites Viertelfinale nach 2014 verpassten, wartet nun auf die Schweiz der regierende Weltmeister ...
Kleiner Wermutstropfen: Für das Duell mit Argentinien muss die Mannschaft des seit August 2021 amtierenden Teamchefs Murat Yakin ihr inzwischen liebgewonnenes „Erfolgsstadion“ bei dieser Fußball-WM verlassen. Statt in Vancouver, wo die Schweizer gegen Kanada mit 2:1, gegen Algerien mit 2:0 und gegen Kolumbien im Elfmeter-Schießen gewannen, geht es jetzt im für sie noch unbekannten Arrowhead Stadium von Kansas City weiter.
Schweiz ohne Senkrechtstarter Manzambi
Bei Matchbeginn in Vancouver lachte die Sonne nur zeitweise, war der Himmel genauso wolkenverhangen wie womöglich die Stimmung von Trainer Yakin – denn dieser musste im Vergleich zum Sechzehntelfinale gegen Algerien mit Johan Manzambi (3 Tore und 2 Assists in bisher 4 WM-Spielen!) und Rubén Vargas gleich auf zwei wichtige Offensiv-Spieler verzichten.
Während Zweiterer immerhin auf der Bank Platz nehmen konnte, fehlte Ersterer komplett wegen Knieproblemen – für die beiden rückten Ardon Jashari und Fabian Rieder in die ein offensiv flexibles 4-4-2 formierende Startelf. Aufseiten der Kolumbianer gab es lediglich eine Änderung gegenüber deren Duell mit Ghana: Teamchef Néstor Lorenzo ersetzte im Sturmzentrum der in einem 4-3-3 spielenden „Cafeteros“ den zuletzt früh angeschlagen ausgewechselten Jhon Córdoba durch Luis Suárez.
Schweiz verliert Kontrolle über die Partie
Taktische Diszipliniertheit, enorme Zweikampf-Härte, viel Leidenschaft und große Laufbereitschaft, aber oder vielleicht gerade deswegen keine echten Tor-Chancen – bereits vor der ersten Hydration Break war das letzte Achtelfinale der Fußball-WM 2026 nicht unbedingt dergestalt, dass man von einem offensiv-begeisternden Feuerwerk sprechen konnte. Die anfangs eher um einen ruhigen und gepflegten Aufbau sowie um frühes Anpressen bemühten Schweizer verloren bis zur 15. Minute die Kontrolle über die Partie, auch weil die Kolumbianer das Pressing zu brechen verstanden und auch Schweiz-Captain Granit Xhaka mehr und mehr aus dem Spiel nahmen.
Beinahe logisch, dass die einzigen guten Offensiv-Aktionen fürs Erste den „Cafeteros“ gehörten, nach einer Freistoßflanke von James (13./Goalie Gregor Kobel klärte) und bei einem Schlenzer von Gustavo Puerta von der Strafraum-Grenze (21./Kobel wehrte zur Seite ab). Expected-Goals-Werte von 0,01 für die Schweiz und 0,04 für Kolumbien gaben Zeugnis von der fehlenden Tor-Gefahr bis hierhin ...
„Hydration Break“ lässt Schweiz auferstehen
Während der bald darauf folgenden kurzen Trinkpause fand Schweiz-Coach Yakin offenbar die richtigen Worte, um seine nach passablem Beginn ins Hintertreffen geratene Elf wieder aufzurichten. Nach einer ersten zarten Tor-Annäherung über Jashari, der ein feines Zuspiel von Denis Zakaria rechts am Strafraum knapp verpasste (28.), zwang Rieder nach einem schlimmen Ballverlust von Verteidiger Daniel Muñoz Kolumbien-Goalie Camilo Vargas halblinks aus spitzem Winkel zu einer Parade (30.). Bis zum Pausenpfiff nahm die kurzfristig in lichte Höhen geschossene Chancen-„Häufigkeit“ schnell wieder ab. Aber auch bei einem Schuss von Dan Ndoye (33./Vargas hielt) und einem von Puerta (39./weit daneben) blieb den mehrheitlich den Kolumbianern zugetanen Fans auf den Rängen der Tor-Schrei nicht einmal in der Kehle stecken, sondern eine vage Hoffnung – siehe Expected-Goals-Werte von 0,06 zu 0,25 ...
Eingewechselter Sow verpasst 1:0 für die Schweiz
Der in Hälfte 1 völlig blass gebliebene Jashari blieb zur Pause in der Kabine, Trainer Yakin ersetzte den Milan-Kicker durch Djibril Sow. Und der Spieler vom FC Sevilla hatte dann auch auf einmal das 1:0 auf dem Fuß: Nachdem sich Ndoye links der Strafraum-Kante im Eins-gegen-Eins gegen Muñoz durchgesetzt hatte, spielte er scharf zur Mitte, wo Remo Freuler durchließ, Sow dahinter etwa vom Elferpunkt aus abzog – aber danebenschoss (48.). Eine aussichtsreiche Chance war‘s allemal. Auch die zweite Chance in Durchgang 2 gehörte der eidgenössischen „Nati“, die wie ganz zu Beginn nun einen besseren Eindruck machte. Einen Freistoß von knapp außerhalb des Strafraums zwirbelte Rieder mit links an der Mauer, aber auch knapp am Tor vorbei – immerhin so knapp, dass das sich aufbauschende Netz so manchen im Stadion an ein Zaubertor denken ließ (54.).
Kolumbien verliert in Hälfte 2 etwas den Faden
Und Kolumbien? Anders als vor der Pause brauchte das Team von Trainer Néstor Lorenzo nach Wiederanpfiff länger, um einigermaßen in die Partie zu finden – davon, auch wieder die Kontrolle zu übernehmen, blieben sie aber weit entfernt. Zu mehr als offensiven Nadelstichen sollte es vorerst nicht reichen, etwa in Form eines Luis-Díaz-Rollers nach einer suboptimal geklärten Flanke (60.) und eines Distanzschusses von Luis Suárez, dem der Ball aber über den Spann gerutscht war und danebenging (63.).
Mit viel Hektik, vielen Wechseln und vielen kleinen Fouls nahm das Duell von Schweiz und Kolumbien in der Folge Kurs auf die Verlängerung – auch weil auf der einen Seite der eingewechselte Jaminton Campaz bei einem Kolumbien-Konter nach einem Schweiz-Eckball gegenüber Goalie Kobel zu spät kam (84.) und auf der anderen Seite Ndoye nach Sow-Pass zwar im Strafraum recht frei schießen konnte, aus spitzem Winkel aber eher Richtung Corner-Fahne als Richtung Sieg-Tor abschloss.
Teams öffnen Offensiv-Visier in der Verlängerung
Die Entscheidung in der Verlängerung suchen oder auf das Glück im Elfmeterschießen hoffen? Diese Frage beantworteten beide Teams nach Wiederanpfiff zunächst mit einem herzhaften „keine Ahnung“. Fürs Erste blieb es bei taktischer Diszipliniertheit, enormer Zweikampf-Härte, viel Leidenschaft und großer Laufbereitschaft – bei geschlossenem Visier, was die Offensive anbelangte. Als es langsam danach auszusehen begann, dass sowohl „Nati“ als auch „Cafeteros“ aufs „Elfern“ loszielen, nahm die Partie ziemlich unvermittelt Fahrt auf: Erst traf Kolumbiens Jhon Lucumí per Kopf nach einem Eckball die Latte (99.), dann prüfte Campaz Schweiz-Goalie Kobel aus 24 Metern (101.). Und auf der Gegenseite musste sich Keeper Vargas bei einem aus rund elf Metern abgefeuerten Schuss des gerade erst eingewechselten Zeki Amdouni auszeichnen (104.).
Doch mehr passierte am Ende nicht mehr, die Angst vor einem bei auslaufender Uhr nicht mehr gutzumachenden Fehler sorgte nun wieder für mehr Vorsicht bei beiden Teams – das Elfmeterschießen musste die Entscheidung über den Aufstieg ins Viertelfinale bringen. Während bei den Schweizern lediglich Manuel Akanji vergab, indem er drüberschoss, scheiterten bei den Kolumbianern mit Davinson Sánchez (Latte) und Cucho Hernández (Kobel parierte) zwei Schützen – was die so lange so ausgeglichene Partie ganz spät zugunsten der Eidgenossen kippen ließ ...
Das Ergebnis:
Schweiz – Kolumbien 0:0 n.V., 4:3 im Elfmeterschießen
Vancouver, BC Place Stadium, 52.497 Zuschauer, Schiedsrichter Iván Barton (El Salvador)
Gelbe Karten: Xhaka, Zakaria, Muheim bzw. Suarez, D. Sanchez
Schweiz: Kobel – Zakaria (87. Widmer), Elvedi, Akanji, R. Rodriguez (71. Muheim) – Freuler, Xhaka – Rieder (103. Amdouni), Jashari (46. Sow), Ndoye (90+2. R. Vargas)- Embolo (87. Itten)
Kolumbien: C. Vargas – Munoz, D. Sanchez, Lucumi (119. Mina), Mojica – Lerma (82. Rios) , J. Arias (66. Campaz), Puerta – J. Rodriguez (66. Quintero), Suarez (82. Hernandez), L. Diaz
Elfmeterschießen:
0:1 – Quintero trifft
1:1 – Xhaka trifft
1:1 – D. Sanchez vergibt (Latte)
2:1 – Amdouni trifft
2:2 – Campaz trifft
2:2 – Akanji vergibt (drüber)
2:2 – Hernandez scheitert an Kobel
3:2 – Itten trifft
3:3 – L. Diaz trifft
4:3 – R. Vargas trifft
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