Berührende Schicksale

Junge Burgenländerin gibt Kriegsopfern eine Stimme

Burgenland
06.07.2026 11:00

Trauma, Angst und Verzweiflung: Die Müllendorfer Sozialanthropologin Jasmin Thoma reiste nach Kiew, um den unsichtbaren Folgen des Ukraine-Krieges nachzuspüren. In ihrem ersten Dokumentarfilm lässt sie Menschen zur Wort kommen, deren Leben durch Gewalt, Verlust und seelische Verletzungen für immer verändert wurde.

Schon seit Jahren setzt sich Jasmin Thoma (30) aus Müllendorf mit den leidvollen Seiten des menschlichen (Zusammen-)Lebens auseinander. Allerdings richtet die Autorin, Fotokünstlerin und Aktivistin ihren Blick nicht auf das Spektakuläre, sondern auf das Verletzliche. Geleitet wird die Sozialanthropologin dabei von einer Frage: Wie gelingt es Menschen, mit extremen Lebenssituationen umzugehen?

Auch sie war ein Opfer
„Ich wurde selbst als Kind und Jugendliche gemobbt und habe sexuelle Übergriffe erlebt“, sagt Thoma, die deshalb immer noch in psychotherapeutischer Behandlung ist. Aus diesen Erfahrungen heraus, ist eine Berufung entstanden. 2017 erschien ihr Debütroman „Ohne Identität“. 2019 folgte „Der Ungläubige“, ein Roman über die Abkehr vom Islam und die oft schwierige Situation von Ex-Muslimen. 2024 veröffentlichte sie schließlich ihren ersten Bildband „Fotografie der Inneren Welten“. Rund 160 Fotografien setzen sich darin mit psychischer Gewalt und Missbrauch auseinander.

Mehr als 600.000 Menschen haben bereits seit Beginn des Russland-Ukraine-Krieges ihr Leben ...
Mehr als 600.000 Menschen haben bereits seit Beginn des Russland-Ukraine-Krieges ihr Leben verloren.(Bild: zVg)

Die Narben des Krieges
Nun hat die Burgenländerin ihren ersten Dokumentarfilm gedreht. „Asking Ukrainians – What war really does to people“ heißt er. Dafür reiste sie im April nach Kiew. Nicht, um über militärische Entwicklungen oder zerstörte Gebäude zu berichten, sondern über die oft unsichtbaren Folgen des Krieges – jene, die sich in der Psyche abspielen.

Zitat Icon

Als ich nach Kiew kam, war ich überrascht, wie normal das Leben dort zu laufen scheint. In meinen Gesprächen stellte sich aber heraus, dass nichts normal ist.

Autorin, Fotokünstlerin und Dokumentarfilmerin Jasmin Thoma (30)

„Seit dem Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 leben die Menschen in der Ukraine im Ausnahmezustand. Ihr Alltag ist von Verlust, Flucht, Unsicherheit und Panik geprägt. Studien zufolge leidet mehr als die Hälfte von ihnen an posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch Angststörungen, Depressionen und Gedächtnisprobleme sind häufig.“

Fotos gefallener Soldaten.
Fotos gefallener Soldaten.(Bild: zVg)

Live dabei statt fernsehen
Gemeinsam mit Kameramann Roman Ketkov und Übersetzer Sasha Ushenko führte Thoma zahlreiche Gespräche mit Ukrainern, die seit Jahren an den Folgen des Krieges leiden: „Ich habe von schrecklichen Geschichten erfahren. Am meisten berührt hat mich das Schicksal der 67-jährigen Liudmyla. Erst starb ihr Mann an gebrochenem Herzen, weil er das Ausmaß der Zerstörung nicht mehr verkraftete. Dann wurde auch noch ihr Sohn entführt. Wenn man persönlich mit den Betroffenen spricht und ihr Trauma selbst miterlebt, fühlt es sich viel realer an, als wenn man nur in den Nachrichten davon hört.“

Zu sehen sind die Interviews auf YouTube unter dem Titel: „Asking Ukrainians: What war really ...
Zu sehen sind die Interviews auf YouTube unter dem Titel: „Asking Ukrainians: What war really does to people.“(Bild: zVg)

Die Gespräche seien emotional extrem belastend gewesen, auch der Raketenalarm, der Thoma nachts aus dem Schlaf riss: „Es braucht nun Zeit, all diese Eindrücke zu verarbeiten.“ Doch ihr Bedürfnis, mit ihren Interviews  ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welche tiefen Spuren Krieg hinterlässt, überwiegt. Schließlich erzählt sie Geschichten, die wohl im Verborgenen geblieben wären, hätte sie den vielen Opfern keine Stimme gegeben.

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