Die Ukraine setzt Russland mit ihren Drohnenangriffen zunehmend unter Druck – und trifft dabei offenbar einen empfindlichen Nerv. Nach monatelangen Attacken sind inzwischen nur noch zwei der zehn größten Ölraffinerien des Landes nie von ukrainischen Drohnen angegriffen worden. Beide liegen weit entfernt von der Front im asiatischen Teil Russlands.
Während sich der Krieg an der Front seit Monaten weitgehend festgefahren hat, bzw. die Ukraine nun ihr Momentum für eine Offensive nutzen möchte, verfolgt Kiew in Russland selbst eine andere Strategie: Statt ausschließlich militärische Ziele nahe der Grenze anzugreifen, rückt zunehmend Russlands Energieinfrastruktur in den Fokus. Besonders Ölraffinerien gelten als strategisch wichtig, da sie nicht nur die heimische Treibstoffversorgung sichern, sondern auch für die russische Kriegswirtschaft von großer Bedeutung sind.
Nur zwei der wichtigsten Raffinerien bislang verschont
Nach Angaben von Reuters war bereits Ende Mai 2026 keine größere Ölraffinerie im europäischen Teil Russlands – also westlich des Urals – mehr von ukrainischen Drohnenangriffen verschont geblieben. Einige Anlagen wurden sogar mehrfach getroffen.
Von den zehn größten Raffinerien des Landes sind inzwischen nur noch zwei nie Ziel eines ukrainischen Angriffs geworden: die Anlagen in Omsk und Angarsk am Baikalsee. Beide befinden sich östlich des Uralgebirges und damit mehrere tausend Kilometer von der Ukraine entfernt. Doch selbst diese geografische Distanz bietet offenbar keinen vollständigen Schutz.
Angriffe reichen immer tiefer nach Russland
Wie groß die Reichweite ukrainischer Drohnen inzwischen ist, zeigte zuletzt ein Angriff auf eine Raffinerie in der westsibirischen Region Tjumen. Die Anlage liegt rund 2000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Nach russischen Angaben konnten die Drohnen zwar abgefangen werden, Schäden habe es nicht gegeben.
Hinzu kommt, dass Angriffe nicht zwangsläufig von ukrainischem Staatsgebiet aus erfolgen müssen. Bereits bei der SBU-Operation „Spinnennetz“ im Jahr 2025 wurden mit Sprengstoff beladene Drohnen in Containern nach Russland gebracht und erst in der Nähe ihrer Ziele gestartet. Die Aktion zeigte, dass selbst weit entfernte Regionen nicht automatisch als sicher gelten können.
Raffinerien als strategisches Ziel
Besonders häufig wurde die Raffinerie des Ölkonzerns Lukoil in Wolgograd angegriffen. Die Anlage verarbeitet jährlich mehr als 14 Millionen Tonnen Rohöl und steht für mehr als fünf Prozent der gesamten russischen Raffineriekapazität. Nach Medienberichten wurde sie inzwischen mindestens zehnmal attackiert.
Auch Raffinerien im Großraum Moskau, in Jaroslawl, Slawjansk sowie die viertgrößte Raffinerie Russlands in Nischni Nowgorod wurden in den vergangenen Monaten Ziel ukrainischer Angriffe.
Experten zufolge konzentriert sich die Ukraine dabei gezielt auf sogenannte Fluid Catalytic Cracking Units – zentrale Anlagen zur Herstellung von Treibstoffen. Diese gelten als besonders teuer, technisch anspruchsvoll und zeitaufwendig zu ersetzen.
Spürbare Folgen für Russland
Die Angriffe haben nach Einschätzung von Analysten erhebliche Auswirkungen auf die russische Treibstoffversorgung. Die tägliche Ölverarbeitung sank Anfang Juni auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten. Rund ein Drittel der Raffineriekapazitäten soll derzeit stillstehen.
In zahlreichen Regionen kommt es inzwischen zu Benzinknappheit, langen Warteschlangen an Tankstellen und Rationierungen. Kremlchef Wladimir Putin räumte die Versorgungsprobleme inzwischen öffentlich ein und sprach von einer „gewissen Knappheit“, die jedoch „nicht kritisch“ sei.
Experten gehen davon aus, dass die Angriffe die russische Wirtschaft zunehmend belasten. Politisch erwarten sie zwar keine unmittelbaren Folgen für den Kreml, sehen jedoch eine schleichende Erosion des Sicherheitsgefühls der Bevölkerung. Die Bilanz der ukrainischen Angriffe zeigt jedenfalls: Von Russlands zehn wichtigsten Raffinerien sind inzwischen nur noch zwei bislang unbeschädigt geblieben – und selbst diese gelten nicht mehr als unerreichbar.
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