Wie kommt man in Zeiten der steigenden Vereinsamung noch mit anderen Menschen ins Gespräch? In Graz und der Steiermark gibt es immer mehr Plauderbankerl und Erzähl-Cafés, die dabei helfen sollen.
Im Grazer Augarten ist ein einziges Bankerl weiß gestrichen. Am Wegesrand nahe dem Pavillon, von wo man die Kinder beim Spielen auf den Murnockerln beobachten kann, steht seit mehr als einem Monat das neue Plauderbankerl. Eine Initiative der Stadt Graz und der Caritas markiert die Parkbank als Ort gegen Einsamkeit: „Es lädt Menschen ein, sich ihren Platz zu nehmen, da zu sein und in Kontakt zu kommen“, erklärt Caritas-Direktorin Nora Tödtling-Musenbichler. Auf einer Plankette steht: „Wer hier sitzt, unterhält sich gern.“
Platz nehmen neben Fremden kostet Kraft
Ein kurzer Selbsttest der „Krone“ bleibt recht einsam. Will man mit Menschen ins Gespräch kommen, muss man sie direkt ansprechen – so wie die Frau auf der Nebenbank, die hier auf eine Freundin wartet. „Ich brauche das nicht, aber für viele Menschen ist es sicher ein tolles Angebot“, sagt sie. Ein deutsches Touristen-Ehepaar winkt ab: „Ein andermal.“ Es braucht dann doch einiges an sozialer Überwindung, neben einer Fremden Platz zu nehmen.
Das Plauderbankerl richtet sich aber nicht nur an Passanten. Jeweils am Mittwoch zwischen 15.30 und 16.50 Uhr sind Freiwillige der Caritas vor Ort und sprechen mit jedem, der möchte. „Einsamkeit macht krank, Einsamkeit kann arm machen, Einsamkeit kann dazu führen, dass Menschen ganz aus dem allgemeinen Leben verschwinden“, sagt Tödtling-Musenbichler.
Alter und Armut begünstigen Einsamkeit
Die Bank ist eine Erweiterung des telefonischen „Plaudernetzes“ der Caritas. Die Mission lautet auch hier: Einsamkeit besiegen. Das ist dringend nötig, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie von Foresight für die Caritas Wien gezeigt hat: Der Anteil an denen, die sich häufig einsam fühlen ist unter Personen mit einem Einkommen bis 1750 Euro (43%), über 65-Jährigen (31%) und alleine Lebenden (29%) besonders hoch. Einer von zehn Befragten gab an, keine Person zu haben, auf die er sich verlassen kann. Ein Drittel der Befragten schränkte soziale Kontakte aufgrund der Inflation ein.
Bei positiver Resonanz könnte es zukünftig noch mehr Plauderbankerl in der ganzen Stadt geben – und auch andere Gemeinden haben bereits Interesse gezeigt.
„Krone“: Herr Ortner, welche Rolle spielt Einsamkeit bei Ihren Anrufern?
Christian Ortner: Einsamkeit ist das Nummer-eins-Thema mit fast 30 Prozent der Anrufe. Es zeigt sich in unterschiedlichen Formen: als soziale Einsamkeit, wenn man Kontakte vermisst, oder als emotionale Einsamkeit. Viele fühlen sich trotz Freunden einsam, weil sie mit niemandem darüber reden können, was sie im tiefsten Inneren bewegt.
Wie zeigt sich diese Einsamkeit?
Sie versteckt sich oft hinter anderen Themen, etwa familiären Schwierigkeiten. Wenn jemand um zwei Uhr früh anruft und fragt, was er morgen kochen soll, dann wissen wir, dass es eigentlich um etwas anderes geht. Einsamkeit wirkt im Hirn in den gleichen Arealen wie körperlicher Schmerz.
Was hilft, wenn man sie intensiv fühlt?
Sich einzugestehen, dass es gerade schwierig ist. Das ist ein schmerzhafter Prozess. Von dort aus kann aber eine Aufwärtsspirale beginnen, durch die man aktiv werden kann. Was übrigens nachweislich gegen Einsamkeit wirkt, ist Engagement für andere.
Stimmt es, dass Jugendliche und Ältere öfter betroffen sind?
Das Alter zwischen 15 und 30 Jahren ist die einsamste Zeit im Leben. Man zieht aus, schließt Studien ab und hat noch nicht so viele Strategien zur Bewältigung negativer Gefühle. An Wendepunkten des Lebens ist die Chance, einsam zu sein, höher. Erst ab Mitte 70 steigt die Einsamkeit dann wieder an.
Wie helfen kurze Gespräche wie bei der Telefonseelsorge aber am Plauderbankerl?
Es ist jemand da, der zuhört und ernst nimmt, wie es mir geht. Dafür bekommen wir viele positive Rückmeldungen.
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