Genau sieben Jahre nach ihrem Solo-Debüt „Bling Bling“ ist Juju endlich zurück – und klingt auf „44 Me“ so offen, wütend und vielseitig wie selten zuvor. Zwischen harten Raps, eingängigen Hooks und persönlichen Einblicken zeigt die Berlinerin, dass die lange Pause ihrem Sound keineswegs geschadet hat.
Sieben Jahre sind vergangen, seit Judith Wessendorf alias Juju mit „Bling Bling“ ihr erstes Soloalbum veröffentlichte und damit bis auf Platz drei der deutschen Albumcharts kletterte. Zuvor hatte sie gemeinsam mit Nura als SXTN den Deutschrap ordentlich aufgemischt, ehe das Duo 2019 getrennte Wege ging. Danach folgten zwar immer wieder einzelne Songs und Features, unter anderem auch mit Loredana, doch um die Berlinerin wurde es zunehmend ruhiger. Eine Pause, die offenbar notwendig war. Juristische Streitigkeiten, die Suche nach sich selbst und schließlich eine ADHS-Diagnose prägten die vergangenen Jahre.
Nun ist die 33-Jährige zurück – und lässt auf ihrem zweiten Solo-Album „44 Me“ so tief blicken wie selten zuvor. Schon der Titel ist dabei alles andere als zufällig gewählt. Die 44 begleitet Juju seit Jahren und steht für den alten Postzustellbezirk von Berlin-Neukölln, wo sie aufgewachsen ist. Auch ihr eigenes Label „Viervier Music“ trägt die Zahl im Namen. Auf der neuen Platte geht es nun aber nicht nur zurück zu ihren Wurzeln, sondern vor allem mitten hinein in ihre Gedankenwelt.
Wut und Ansage
Den Anfang der insgesamt 19 Tracks macht „Crashout Freestyle“ – und der Name ist Programm. Knapp zwei Minuten braucht Juju, um sich den Frust der vergangenen Jahre von der Seele zu rappen. Bereits im April leitete sie mit dem Song ihr Comeback ein, jetzt wirkt er wie ein wütendes Eröffnungsplädoyer für das gesamte Album. „Leute, seit fünf Jahr’n bin ich angepisst“, stellt sie gleich zu Beginn klar. Wenig später teilt sie auch gegen die Konkurrenz aus und wirft anderen vor, ihren Stil kopiert zu haben. Zurückhaltung klingt jedenfalls anders. Juju ist wieder da – und möchte offenbar gleich zu Beginn klarmachen, dass sie einiges aufzuarbeiten hat.
Bei „Hater“ wird der Ton zwar lässiger, die Spitzen bleiben aber scharf. Über einen entspannten Beat rappt sie über Neid, Missgunst und all jene, die ihr den Erfolg nicht gönnen. Gleichzeitig streut sie erstmals sehr persönliche Details ein: „Ich bin zwar ein Autist“, heißt es an einer Stelle. Erst kürzlich sprach sie in einem Interview mit der „Spiegel“-Zeitschrift darüber, neben ADHS auch mit einer Autismus-Diagnose zu leben. Auf Instagram setzte sie sich ebenfalls mit dem Thema auseinander und verwies dabei unter anderem auf Musiker, bei denen Autismus rückblickend vermutet wurde. Plötzlich steckt hinter der coolen Fassade also deutlich mehr als bloße Abrechnung.
Vielseitig aber dennoch Juju
Genau hier setzt auch das erste „Prelude“ an. Solche kurzen Zwischenstücke tauchen auf „44 Me“ immer wieder auf und funktionieren wie kleine Fenster in Jujus Innenleben. Vor „Allein“ spricht eine Stimme über sie in der dritten Person – oder vielleicht ist es auch ihre eigene innere Stimme, die sich endlich Gehör verschafft. Am Ende steht die Erkenntnis, dass ihr das Außen zunehmend egal wurde und das eigene Innere wichtiger. Ein Gedanke, der direkt in „Allein“ übergeht.
Und spätestens hier zeigt Juju, wie vielseitig dieses Album geworden ist. „Allein“ gehört zu den zugänglichsten und zugleich zentralsten Songs der Platte. Zwischen melodischem Refrain und Rap beschreibt sie, wie einsam sich Erfolg trotz Öffentlichkeit anfühlen kann. „Ich mache es allein“, singt sie immer wieder. Es geht um Druck, Selbstzweifel und Rückschläge – aber auch darum, sich von all dem nicht kleinmachen zu lassen. Verletzlich klingt die Rapperin hier durchaus. Schwach? Ganz und gar nicht. Dass sie in den vergangenen Jahren dann doch nicht völlig allein war, zeigt „Girls Night“. Der Track ist eine Liebeserklärung an jene Freundinnen, die geblieben sind, als es schwierig wurde. Nach all der Wut und Selbstanalyse wirkt das beinahe wie ein kurzer Befreiungsschlag: weniger Kampf gegen die Außenwelt, mehr Dankbarkeit für das eigene Umfeld.
Deutlich düsterer wird es wieder bei „Shorty“. Auch dieser Song bleibt mit rund zweieinhalb Minuten kompakt, inhaltlich hat er es dafür umso mehr in sich. Unsicherheiten, Überforderung und psychischer Abgrund. „Sie will weg, sie will raus“, heißt es darin. Das dazugehörige Video verstärkt diesen Eindruck noch: Die Künstlerin ist darin unter anderem in einer laborartigen Umgebung zu sehen, verkabelt und beinahe wie ein Untersuchungsobjekt. Der Song macht deutlich, wie eng persönlicher Druck und der Druck der Musikbranche bei ihr inzwischen miteinander verwoben sind.
RAF Camora und Co.
Ganz ohne Gäste kommt „44 Me“ natürlich nicht aus. Auf „Millies“ holt sie sich mit der britischen Rapperin Ledbyher eine englischsprachige Stimme an die Seite. Deren sanfter, melodischer Flow bildet einen spannenden Gegenpol zu Jujus rauerem Rap. Bei „German Dream“ trifft sie wiederum auf Tom Hengst, während bei „Komm näher“ niemand Geringeres als RAF Camora den männlichen Gegenpart übernimmt. Die beiden kennen sich bereits aus „Wenn du mich siehst“ – entsprechend eingespielt wirkt ihr erneutes Zusammenspiel. Ausgerechnet der Lovesong gehört damit zu jenen Momenten, in denen die Westberlinerin ihre sonst so harte Schale besonders weit ablegt.
Zum Ende hin dreht sie diese Haltung noch einmal um. „Premium Chaya“ klingt wie eine selbstbewusste Bestandsaufnahme nach all den Zweifeln, und inneren Kämpfen zuvor. Im abschließenden Outro wird daraus beinahe ein Mantra: „Heute ist mein Tag, alles was ich mir wünsche fliegt mir einfach zu“, erklärt sie dort und bezeichnet sich wenig später schlicht als „premium“. Nach all der Selbstkritik nimmt sie sich damit am Ende selbst wieder in die Arme – auf ihre ganz eigene, gewohnt großspurige Art.
Fazit: Genau darin liegt die Stärke von „44 Me“. Juju hat nach sieben Jahren nicht plötzlich einen völlig neuen Sound erfunden. Sie hat vielmehr gelernt, all ihre Seiten darin unterzubringen. Harte Raps treffen auf eingängige Hooks, Partytracks auf melancholische Skits und große Klappe auf erstaunlich offene Momente. Man hört noch immer jene Rapperin heraus, die einst mit SXTN den Deutschrap aufmischte – nur mit deutlich mehr Lebenserfahrung im Gepäck. Die neue Scheibe ist deshalb vor allem eines: Juju in all ihren Facetten, widersprüchlich, laut, verletzlich und so persönlich wie wohl noch nie.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.