Ungeachtet des Rahmenabkommens zum Ende des Iran-Kriegs sitzen nach wie vor 1150 Schiffe im Persischen Golf fest. Die deutsche Allianz-Versicherung schätzt den Wert dieser Schiffe samt Ladung auf etwa 110 Milliarden Euro. Den Stau aufzulösen, würde selbst bei einem Friedensschluss Wochen dauern.
„Die Schifffahrt ist eine Geisel dieses Konflikts“, sagt Justus Heinrich, ein leitender Schiffsversicherungsexperte der Tochtergesellschaft Allianz Commercial. Der Iran hatte am Wochenende eine neuerliche Blockade der Straße von Hormuz angekündigt und das mit der Nichteinhaltung der vereinbarten Waffenruhe im Südlibanon begründet.
„Können Gefahr nicht abschätzen“
Das hat laut dem Allianz-Fachmann anhaltende Unsicherheit auf dem Meer zur Folge: „Die Internationale Schifffahrtsorganisation und auch deutsche Reeder sagen, dass sie die Gefahr für Mannschaften und Schiffe noch nicht abschätzen können.“
„Heft des Handelns“ in Teheran
Der Iran verfüge über einen mächtigen Hebel, da zwischen 20 und 25 Prozent des globalen Handels mit Öl und Flüssiggas durch die Straße von Hormuz verlaufen. „Man kommt immer wieder an den Punkt, an dem der Iran das Heft des Handelns hinsichtlich der Situation für die Schifffahrt in der Hand hat“, so Heinrich. Der Schifffahrtsfachmann verwies auf die Gründung der neuen iranischen Verwaltungsbehörde für den Persischen Golf und die Straße von Hormuz (PGSA). Diese solle die Versicherung der gesamten Schifffahrt in der Straße von Hormuz kontrollieren bzw. bestätigen, sagte Heinrich. „Die Route an der Küste des Omans gilt dabei nach jetzigem Stand als Verstoß gegen die Regeln des Iran, mit allen möglichen Konsequenzen“ – letztere Route hatte das US-Militär empfohlen.
Vor Krieg 140 Schiffe täglich
„Auch wenn sich die Verhältnisse normalisieren, würde es mit Sicherheit Wochen dauern, bis alle festsitzenden Schiffe die Straße von Hormuz passiert haben“, betont Heinrich. Nach einem Bericht der BBC haben seit 18. Juni – dem Tag nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens – lediglich 170 Schiffe die Meerenge passiert. Vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran lag diese Zahl laut Allianz bei 140 Schiffen täglich.
Auch der Suezkanal ist fast verwaist
Auch der Schiffsverkehr auf dem für die Weltwirtschaft noch bedeutenderen kürzesten Seeweg von Ostasien nach Europa durch das Rote Meer und den Suezkanal ist nach Angaben des Allianz-Experten nach wie vor stark beeinträchtigt. Dort bedrohen die vom Iran unterstützten Huthi-Milizen bereits seit dem Beginn des Gazakriegs im Herbst 2023 die internationale Schifffahrt. Folge ist, dass die meisten Reedereien nach Heinrichs Worten ihre Schiffe auf den mehrere tausend Seemeilen längeren Umweg um Afrika herum schicken. „Wir haben 80 Prozent weniger Schiffe, die den Suezkanal passieren.“
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