Die Nationalsozialisten löschten das Leben von sechs Millionen Juden aus, darunter das von etwa 1,5 Millionen Kindern. Eine große Ausstellung des bekannten Malers Manfred Bockelmann in der ehemaligen Synagoge im burgenländischen Kobersdorf holt manche Gesichter nun zurück – in einen Raum, aus dem sie einst gewaltsam verdrängt wurden.
Manfred Bockelmann ist der ältere Bruder des 2014 verstorbenen Sängers und Komponisten Udo Jürgens. Während dieser als gefeierter Musiker bekannt wurde, machte sich Bockelmann als bildender Künstler einen Namen – insbesondere mit seinem Holocaust-Erinnerungsprojekt „Zeichnen gegen das Vergessen“. 1943, also mitten in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren, beschäftigte ihn nämlich schon früh die Frage: „Was geschah eigentlich mit den vielen anderen gleichaltrigen Kindern, die nicht das Glück hatten zu überleben, so wie ich?“
Aus der persönlichen Auseinandersetzung mit dieser Frage entwickelte sich eine Lebensaufgabe. Seit 15 Jahren schafft der heute 82-Jährige großformatige Kohleporträts von Kindern, die während der NS-Zeit verfolgt und hingerichtet wurden. Die Zeichnungen basieren auf historischen Fotografien, und zeigen Mädchen und Buben in einem Alter, in dem sie noch unbeschwert in die Kamera blickten, bevor sie Opfer von Verfolgung, Deportation und Mord wurden.
Es lässt sich nichts beschwichtigen
Ausgestellt wurde Bockelmanns Zyklus bereits im Leopold Museum in Wien, vor dem Reichtagsgebäude in Berlin und im Parlament von Lissabon. Von 25. Juni bis 26. Juli kann man die Zeichnungen erstmals auch in der ehemaligen Synagoge in Kobersdorf auf sich wirken lassen. Ein fesselndes Erlebnis! Denn zeitgleich wird auch das jüngste Buch des Historikers Heiner Hammerschlag, „Dunkles Erinnern“, präsentiert, das Bockelmanns Projekt dokumentiert.
Dabei kommen in einer Zeitleiste auch die Täter unverstellt zu Wort. Ihre Aussagen lassen keine Fragen offen. Sie entziehen allen Beschwichtigungsversuchen den Boden und offenbaren, welch geistiger Gesinnung diese Menschen waren und wie sie Unrecht zu Recht verkehrten.
Schonungslose Wahrheit
„‘Dunkles Erinnern‘ ist das Ergebnis eines Freundschaftsdienstes. Und das schönste Kunstbuch über das hässlichste Thema überhaupt“, sagt Hammerschlag, der Bockelmann seit Beginn des Projekts begleitet. Besonders bewegt haben ihn die Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden – „ihre Bereitschaft, zu erzählen und zu warnen, und die Art, wie sie das erlittene Leid verarbeitet haben.“ Diese Gespräche hätten seinem historischen Wissen eine neue, emotionale Dimension verliehen.
Das Ringen um Formulierungen, um sich dem Unbeschreiblichen annähern zu können, sei jedoch emotional belastend gewesen: „Ich habe auf drastische Darstellung der Gräuel verzichtet. Doch ich hielt mich an Ingeborg Bachmann, die meinte: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“
Die Jugend ist ausdrücklich willkommen
Besonders beeindruckt an Bockelmanns Werk hat Hammerschlag übrigens dessen universeller Zugang: „Er versteht alle Kinder als gleichwertige Opfer. Nationalitäten oder ethnische Zugehörigkeiten spielen keine Rolle. Im Mittelpunkt stehen die Menschen und ihre Schicksale.“
Für Hammerschlag steht außer Frage: Erinnerungsarbeit ist heute wichtiger denn je: „Demnächst wird keine Zeitzeugenschaft mehr möglich sein. Die Bedeutung von Erinnerungskunst kann man daher nicht hoch genug schätzen.“ Daher sollen vor allem junge Menschen durch die Ausstellung und das Buch angesprochen werden: „Sie sehen dort Kinder und Jugendliche, die ihre Freunde, Geschwister oder Schulkollegen sein könnten“. Sein Wunsch ist ebenso einfach wie eindringlich: „Dass jedem klar wird, dass derartiges Unrecht und Verbrechen niemals wieder geschehen darf.“
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