30 Jahre nach der großen Restaurierung des Riesentors des Stephansdoms geht es mehr denn je um den Erhalt für die Zukunft. Die Verantwortlichen sind damals wie heute dieselben. Sie müssen sich die Frage stellen, ob sie das „Stadt-Lexikon“ Wiens auch für die Zukunft lesbar erhalten haben.
Vor dem Stephansdom stehen – vermutlich bis Spätherbst – wieder Gerüste: Drei Jahrzehnte nach der grundlegenden Restaurierung des Riesentors, die sensationelle Erkenntnisse über dessen einstige Farbenpracht zutage brachte und damit die gesamte Kunstgeschichte gehörig durchrüttelte, gilt es jetzt, das Tor auch für kommende Generationen zu sichern.
Lebenswerk auf dem Prüfstand
Für die damals wie heute Verantwortlichen schließt sich damit ein Kreis: Dombaumeister Wolfgang Zehetner und Bundesdenkmalamt-Verantwortlicher Johann Nimmrichter waren damals „frisch g’fangt“ (Nimmrichter) und übergeben ihr Erbe bald an die nächste Generation.
Die ebenso überraschenden wie bahnbrechenden Erkenntnisse über das Riesentor zwangen damals zu einiger Improvisation. Nach 30 Jahren mit gewaltigen technischen Fortschritten müssen sie sich selbst auf den Prüfstand stellen und fragen, ob sie damals alles richtig gemacht haben. Die Kurzfassung der Antwort: Ja, aber man kann es inzwischen noch besser machen.
Was das Riesentor alles erzählt
Künftig wird etwa ein „quasi unsichtbares“ (Zehetner) Vordach das Gesims des Tors vor Regen schützen. Feuchtigkeit und nicht Luftverschmutzung ist das größte Problem für den Dom. Die Wiener Luft sei inzwischen teilweise sogar „zu sauber“ für Konservatoren, erzählt Nimmrichter: Statt schwarzem Ruß und Hausbrand greifen inzwischen Algen und Flechten, die früher keine Überlebenschance hatten, die Bausubstanz an.


Es geht nicht nur um den Erhalt eines Wahrzeichens und Baujuwels: Nimmrichter sieht im Tor ein „Stadt-Lexikon“: Genau kann er etwa jeden einzelnen Stein im Tor ausmachen, der noch aus Resten von römischen Befestigungswällen stammt. Ursprünglich waren zudem nicht nur die Figuren, sondern auch die Wände bemalt: hell mit roten Fugen, „weil sie‘s genau so gemacht haben wie gegenüber“. Das Gegenüber waren ebenfalls noch Reste römischer Mauern.
Riesentor könnte zu „Tor durch die Zeit“ werden
Dazu kommen über die Jahrhunderte verschiedene Schichten an Bemalung der Figuren: Mehrmals wurde das Riesentor jeweils nach dem Geschmack der Zeit komplett neu bemalt. Man müsse sich den Dom den längsten Teil seiner Geschichte „knallbunt“ vorstellen, so Nimmrichter. Noch bis in die 1960er wurden Jahrhunderte alte Farbreste mit Absicht entfernt, weil auch das ebenmäßige Aussehen und der Blick auf den nackten Stein aus der Sicht von Konservatoren nur eine von vielen Moden ihrer Zeit ist.
Vielleicht macht moderne Technik das Riesentor aber bald auch zu einem Tor durch die Zeit: Wie die „Krone“ erfuhr, wird vom Wiener Landeskonservatoriat an technischen Möglichkeiten getüftelt, um das Tor stundenweise nach Sonnenuntergang in der originalen Farbgebung zu beleuchten, damit die Wienerinnen und Wiener von heute das Tor erstmals wieder exakt so sehen können wie ihre Vorfahren vor 800 Jahren.
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