Künstliche Intelligenz trifft auf archaische Rituale: Die Wiener Festwochen zeigen einen musikalisch soliden „Parsifal“, der in einer überladenen virtuellen Bilderflut verloren geht.
Die Revolution der künstlichen Intelligenz im Musiktheater hat diese Produktion nicht gebracht. Dabei wäre es durchaus naheliegend, gerade für die nicht immer einfach zu behindernden mystischen Welten aus dem Opernkosmos eines Richard Wagner auf künstlich generierte Bilder zurückzugreifen – was aktuell ja auch an einigen Häusern getan wird. Ein prominenter Versuch in diese Richtung, der „Parsifal“ bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier zeigte: Das mussnicht automatisch gut gehen.
Die deutsche Kult-Regisseurin Susanne Kennedy und der bildende Künstler Markus Selg gehen bei Wagners Bühnenweihspiel einen Weg der Gegensätze – sie schauen in die Zukunft und die Vergangenheit, lassen Überanimation auf Stillstand prallen.
Wogende Wolkentürme und brennende Baumkronen
Auf großen bogenförmigen Projektionsflächen rauschen über fünfeinhalb ungekürzte Stunden lang digital generierte Landschaften und abstrakte Welten auf die Zuseher zu – vom virtuellen Flug durch dunkle Höhlen in der Endlosschleifen über endlose Gebirgslandschaften und wogende Wolken- und Wassermassen bis zu lieblichen Waldbildern und brennenden Baumkronen. Bis zu sechs Ebenen überlagern einander optisch, immer sind die Bilder in Bewegung, rasen auf die Zuseher zu. Spätestens nach dem ersten Aufzug beginnt die völlige Überreizung des Auges.
Im Gegensatz dazu herrscht auf der unteren Bühnenebene beinahe Stillstand. Die Figuren sind in starren Tableaus gestellt, eine Gruppe an Performern übt sich in rituellen Handlungen – beides durchaus irritierend gegen Musik und Text inszeniert. In der Kombination ist das eine absolute Überflutung.
Buddha und Totempfahl
Die Bilder, die Kennedy und Selg einsetzen, überzeugen kaum. Im Figurenraum zitieren die beiden sich durch Rituale, Kulte und (fernöstliche) Religionen der Menschheitsgeschichte – vom schwebenden Buddha bis zum archaischen Totempfahl ist alles dabei. Die Gralsritter und Blumenmädchen entstammen einer nicht näher bestimmbaren heruntergekommenen Endzeittruppe – irgendwo zwischen „Star Wars“, „Herr der Ringe“ und „Mad Max“.
Die Geschichte des reinen Toren, der die heruntergekommene Runde der Gralsritter erlöst, erzählt vor allem der Text. Die künstlichen Welten – mit typischen KI-Schnitzern wie Vögeln mit drei Flügeln oder einem Schwan mit zwei Hälsen – liefern dazu ein grob passendes Stimmungsbild. Manche der virtuellen Schleifen gäben auch einen passablen Bildschirmschoner ab.
Musikalisch solide mit Luft nach oben
Musikalisch fällt das Resümee dieser Premiere am Montag deutlich besser aus – durchwachsen ist es aber auch. Das Radio-Symphonieorchester Wien bricht unter der Dirigentin Yi-Chen Lin erfrischend mit Klangtraditionen. Ihr Wagner ist kraftvoll-hell im Klang und markant in den Konturen. Diese schnörkellose Lesart lässt mitunter Wärme und Schmelz vermissen, bringt aber imposante Klanggebilde hervor – vor allem im zweiten und dritten Aufzug.
Der Parsifal von Russell Thomas überzeugt mit sonorer Präsenz und klaren Bögen. Dshamilja Kaiser ist eine eindrucksvolle Kundry, Albert Dohmen war einmal ein hervorragender Gurnemanz, Kartal Karagedik bleibt als Amfortas schwach. Vor allem die Blumenmädchen haben Luft nach oben.
Alles in allem eine musikalisch zumindest solide, szenisch massiv überladene Produktion mit Längen. Man ahnt in einigen Szenen, dass hier ein beeindruckendes, sinnliches wie immersives Opernerlebnis am Horizont heraufdämmert. Es bleibt jedoch bei der bloßen Ahnung.
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