Bis Sonntag debattieren bei den Wiener Festwochen im Rahmen des „Glaubenstribunals“ Medienschaffende über Religionsmissbrauch. Intendant Milo Rau lud dafür zum Auftakt „Charlie Hebdo“-Chef und Publizist Friedman sowie Journalistin Alice Hasters und den Youtube-Dominikaner Frater Xaver ins Odeon.
Zumindest Beständigkeit kann man den Festwochen-Tribunalen nicht absprechen: Sie lassen auch im dritten Frühsommer ihres Bestehens keine Albernheiten vermissen. Sitzen da erwachsene Menschen mit ungeheuer bedeutenden Gesichtern an langen Tischen und spielen Gericht! Diesfalls zu den komplizierten Prozessen der Religion und ihrer Bekenntnisse. Um das Laienspiel spektakelhaft aufzuheizen, lädt man jährlich einen Krawallteilnehmer ein.
Demokratiefeind und Antisemit
Deshalb wurde zu Beginn der dreitägigen Veranstaltung maßlos auf den am 7. Juni erwarteten Milliardär Peter Thiel geschimpft, verbunden mit der Aufforderung, ihm ja kein Forum zu bieten. Das allerdings ist ein starkes Stück. Man hätte den von niemandem vermissten Demokratiefeind ja auch einfach nicht einladen können. So wie vor zwei Jahren den Tingel-Antisemiten Varoufakis. Unfehlbar entsteht so die Anmutung der Unredlichkeit und Verlogenheit.
Allerdings ist Festwochen-Intendant Milo Rau ein gewinnender Mensch, dessen vielleicht stärkste Begabungen darin liegen, a) Aufsehen auch zum Sozialtarif zu erzeugen und b) ernsthafte Menschen zu Aktivitäten zu überreden, die ihnen anschließend eventuell peinlich sind. Und so staunt man wieder, welche Kaliber als Zeugen auftreten: Der Chefredakteur der Zeitschrift „Charlie Hebdo“, der dem islamistischen Gemetzel durch Zufall entkommen ist, hat fraglos Belastbares gegen Religionen vorzubringen.
Messerscharfer Laizismus
Dem messerscharfen Laizismus des jüdischen Intellektuellen Michel Friedman folgt man begeistert, und was die Journalistin Alice Hasters gegen den Kolonialismus vorbringt, hört man gern auch zum zehnten Mal. Selbst den theologischen Banalitäten des jungen Youtube-Dominikaners Frater Xaver lauscht man amüsiert. Ob ihnen die Teilnahme anschließend peinlich war, muss Gegenstand von Vermutungen bleiben.
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