Jahrhundertdenker

„Großvater aller Franzosen“ stirbt mit 104 Jahren

Ausland
30.05.2026 12:54
Porträt von krone.at
Von krone.at

Edgar Morin hat wie kaum ein anderer das intellektuelle Denken des 20. und frühen 21. Jahrhunderts geprägt. Nun ist der französische Philosoph und Soziologe im Alter von 104 Jahren gestorben.

Bekannt wurde Morin auch im deutschsprachigen Raum mit dem Buch „Das Jahr Null. Ein Franzose sieht Deutschland“, in dem er die Nachkriegszeit und den Neubeginn der deutschen Gesellschaft unmittelbar nach 1945 beschreibt. Wie französische Medien unter Berufung auf seine Familie berichteten, starb er am Freitag.

„Großvater aller Französinnen und Franzosen“
„Er ist der Großvater aller Französinnen und Franzosen und das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts“, schrieb die linke Tageszeitung „Libération“ in einem 2021 veröffentlichten Porträt über den eleganten Philosophen, der Hüte und Seidenkrawatten liebte.

Am Samstagmorgen würdigte der französische Präsident Emmanuel Macron auf X das Andenken dieses „universellen Geistes“ und „verkörperten Humanismus“.

Schließlich würdigte auch die UNESCO „das Andenken und das immense philosophische Erbe Edgar Morins, einer zentralen Figur des Denkens“, dessen „intellektueller Weg eine Methode für die Zukunft ist“.

Widerstand gegen Nazis
Geboren 1921 als Edgar Nahoum in einer jüdischen Familie mit Wurzeln in Griechenland, wurde aus dem jungen Pariser Studenten ein Kämpfer der Résistance, des französischen Widerstands gegen die Nazis, später ein Kommunist, dann ein kritischer Beobachter aller Ideologien – und schließlich einer der bekanntesten französischen Denker seiner Zeit. Die Erfahrung von Krieg, Illegalität und existenzieller Bedrohung blieb für sein späteres Denken prägend.

Theorie des komplexen Denkens
Nach 1945 bewegte sich Morin zunächst im Umfeld der kommunistischen Intelligenz, bevor er sich vom Stalinismus distanzierte. International bekannt wurde er durch seine Theorie des komplexen Denkens. Gegen jede Form der Reduktion vertrat er die Auffassung, dass Wirklichkeit aus Verflechtungen besteht: zwischen Individuum und Gesellschaft, Ordnung und Chaos, Wissen und Ungewissheit.

(Bild: AFP/THOMAS COEX)

Morin war Ehrendoktor von 38 ausländischen Universitäten und hat rund vierzig Werke verfasst, die vielfach übersetzt wurden. Bis ins hohe Alter blieb Morin eine Stimme im intellektuellen Streit um die Gegenwart: Globalisierung, ökologische Krise, Konflikte und Kriege.

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