Immer mehr europäische Regierungen stellen offen infrage, ob die USA noch ein verlässlicher Partner für Sicherheit und Handel sind – und beginnen, Alternativen zu denken. Im Unterschied zu NATO-Generalsekretär Mark Rutte, der davon überzeugt ist, dass eine europäische Verteidigung ohne die USA auf absehbare Zeit nicht realistisch sei, sieht eine aktuelle Analyse deutscher Experten durchaus die Möglichkeit, in wenigen Jahren militärische Unabhängigkeit zu erlangen.
In ihrem mit „Sparta 2.0“ betitelten Papier kommen die Experten aus den Bereichen der Wirtschafts- und Politikwissenschaft zum Schluss, dass es mit einem entsprechenden politischen Willen und einer geeigneten Führung möglich wäre, vor allem die militärische Abhängigkeit von Washington in drei bis fünf Jahren zu schaffen. Weitgehende Autonomie sei in den meisten Bereichen in fünf bis zehn Jahren erreichbar.
Dazu müsste die „ineffiziente und teure Fragmentierung der europäischen Verteidigung hinter sich gelassen“ werden. „Europa“ bezieht sich in dem Papier auf die EU plus Großbritannien und Norwegen. Die Autoren nennen zehn militärische Bereiche, in denen Europa in großem Maßstab eigene Systeme entwickeln sollte, um unabhängig von importierter Rüstungstechnologie zu werden. Das beinhaltet die Massenproduktion von Drohnen, die Entwicklung ballistischer Raketen mit großer Reichweite, die Luftverteidigung, ein militärisches Satellitennetzwerk und elektronische Kampfführung.
„Agenda im Rahmen der aktuellen Finanzplanung umsetzbar“
Notwendig wäre nach Einschätzung des Ökonomen Moritz Schularick und seiner Mitautoren hauptsächlich der politische Wille, die bisherige Kleinstaaterei in der Verteidigungspolitik zu überwinden. Die Kosten schätzen der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und seine Mitautoren auf 150 bis 200 Milliarden Euro bis 2030, und bis Mitte des nächsten Jahrzehnts auf insgesamt etwa 500 Milliarden Euro. „Diese Agenda ist im Rahmen der aktuellen Finanzplanung umsetzbar, wenn ein Drittel des geplanten Aufwuchses der europäischen Verteidigungsbudgets von jährlich 200 Milliarden Euro entsprechend investiert wird“, heißt es in dem Aufsatz.
Im Verhältnis zur europäischen Wirtschaftsleistung entspreche das etwa 0,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Co-Autoren des Aufsatzes sind neben Schularick der Airbus-Verwaltungsratschef René Obermann; Tom Enders, der Verwaltungsratsvorsitzende des Rüstungskonzerns KNDS; die Investorin Jeannette Fürstenberg und der Politikberater Nico Lange. Die fünf Verfasser betonen in dem Aufsatz aber auch, dass es sich um Kostenschätzungen mit möglichen großen Abweichungen handelt.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.