Blutige Eskalation

Schimpansen-Allianzen mündeten in „Bürgerkrieg“

Wissen
10.04.2026 06:34
Porträt von krone.at
Von krone.at

Im Kibale-Nationalpark in Uganda eskalierte die größte bekannte Gruppe wild lebender Schimpansen in einen regelrechten Bürgerkrieg – untereinander. Forscherinnen und Forscher dokumentierten über Jahrzehnte, wie aus Freundschaften und Allianzen tödliche Gewalt wurde: Polarisierung, Meidung, Patrouillen, schließlich gezielte Angriffe, bei denen sogar Jungtiere starben. Die Beobachtungen werfen ein neues Licht auf die sozialen Mechanismen hinter Konflikten – und liefern überraschende Parallelen zum menschlichen Verhalten.

Seit 1995 beobachtete ein Team um Aaron Sandel von der University of Texas in Austin die rund 200 Tiere umfassende Ngogo-Gruppe. Damit war sie weitaus größer als andere bekannte Schimpansengruppen. Forschende vermuten, dass die Größe der Gruppe und frühere Konflikte mit Nachbarn – die nahezu ausgelöscht und deren Weibchen integriert wurden – die Stabilität schwächten.

Von Freunden zu Feinden
Bis 2015 dominierten wechselnde Allianzen, Freundschaften und Hierarchien. Der erste Hinweis auf ein Zerwürfnis tauchte am 24. Juni 2015 auf, als zwei Untergruppen aufeinandertrafen. Die westlichen Schimpansen flohen, verfolgt vom zentralen Lager. Eine ungewöhnlich lange Phase der Meidung von sechs Wochen folgte.

Eskalation in gezielten Angriffen
Ab 2016 starteten Männchen der westlichen Gruppe Patrouillengänge, ab 2017 antwortete das zentrale Lager. Zunächst beschränkten sich Konflikte auf getrennte Gebiete, später wurden gezielte Angriffe registriert. 2018 bestand die westliche Gruppe aus zehn Männchen und 22 Weibchen, die zentrale aus 30 Männchen und 39 Weibchen. Fortan gingen alle beobachteten Attacken von der kleineren westlichen Gruppe aus.

Auch Junge wurden nicht verschont
Zuerst traf die Gewalt ältere Männchen. Bis 2021 wurden auch Jungtiere Opfer: 17 Jungschimpansen der zentralen Gruppe starben durch Angriffe der westlichen Gruppe, weitere 14 verschwanden spurlos bis 2024. Die Situation erinnert an Jane Goodalls Beobachtungen aus den 1970er-Jahren, galt dort jedoch als Ausnahmefall, da die Tiere teilweise gefüttert wurden.

Gruppengröße und Anonymität als Risikofaktor
Forschende sehen die enorme Gruppengröße als einen zentralen Faktor: „Mit fast 200 Individuen überstieg die Gruppe die Kapazität zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen“, erklärt Wittig vom Taï Chimpanzee Project. Anonymisierung innerhalb der großen Gruppe habe Strukturen notwendig gemacht, die Schimpansen nicht besitzen.

Lektionen für den Menschen
Die Forscherinnen und Forscher betonen die Bedeutung persönlicher Beziehungen zwischen Untergruppen. Epidemien und Todesfälle von Schlüsselindividuen könnten die Eskalation beschleunigt haben. Sandel weist auf die Parallelen zum Menschen hin: Konflikte entstehen nicht nur durch Kultur, Religion oder Politik, sondern auch durch grundlegende soziale Prozesse und Gruppenidentität.

„Beziehungen über Grenzen hinweg sind ganz, ganz wichtig“, sagt Wittig und verweist auf historische Beispiele wie die Freundschaft zwischen Adenauer und de Gaulle. Auch Menschen könnten von Schimpansen lernen: Kleine, tägliche Handlungen von Versöhnung und Begegnung können Frieden fördern.

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