Gummler statt Gucci

Farmfluencer: Zwischen Stall und Smartphone

Tierecke
31.05.2026 06:24

Landwirtschaft hat ein neues Gesicht: jung, digital und erfrischend transparent. Tausende folgen diesen jungen Bäuerinnen und Bauern und bekommen nicht nur Unterhaltung, sondern einen ehrlichen Blick hinter die Kulissen unserer Lebensmittelproduktion. 

Vielleicht sitzen Sie gerade mit ihrem Handy oder Tablet gemütlich beim Frühstückstisch und lesen die Onlineausgabe der „Krone“. Der Kaffee duftet, das Brot ist frisch, vielleicht haben Sie ein Ei, Butter, Schinken oder Joghurt vor sich. Ein ganz alltäglicher Moment, so selbstverständlich für uns alle, dass wir kaum darüber nachdenken, woher all das kommt – und vor allem; wer mit viel Arbeit, Einsatz und Leidenschaft dafür sorgt.

Wir leben in einer Zeit, in der Lebensmittel jederzeit verfügbar sind. Perfekt beleuchtet und sorgfältig einsortiert im Supermarktregal – wir brauchen nur nach Lust, Laune und Budget zuzugreifen. Aber hinter jedem Ei, jedem Glas Milch, jedem Stück Fleisch steckt ein Mensch; eine Familie und ein Alltag voller Verantwortung. Ihr Arbeitstag beginnt siebenmal die Woche um sechs Uhr, weil die Kühe gemolken werden müssen.

„Krone“-Tierecke Leiterin Maggie Entenfellner (li.) traf drei der Farmfluencer persönlich. Mit ...
„Krone“-Tierecke Leiterin Maggie Entenfellner (li.) traf drei der Farmfluencer persönlich. Mit Sebastian Bauer, Lisa Zanker und Michael Pfaffenbichler sprach sie über die Herausforderungen im Arbeitsalltag.(Bild: Imre Antal)

Statt Catwalk und Gucci zeigen sie Ställe und Felder
Sie können ein langes Pfingstwochenende nicht dafür nutzen, einen Ausflug mit der Familie zu unternehmen, sondern sitzen stattdessen am Traktor, weil das Wetter gerade jetzt perfekt ist, um die Wiesen zu mähen. Viele Menschen haben heute keinen direkten Bezug mehr zur Landwirtschaft. Milch kommt aus dem Kühlregal, Eier aus dem Karton.

Doch dazwischen liegt eine Welt, die viele nicht mehr kennen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum junge Bauern und Bäuerinnen im Netz so viele Menschen faszinieren. Weil sie sichtbar machen, was für viele längst unsichtbar geworden ist: Landwirtschaft so, wie sie tatsächlich ist – und nicht romantisiert.

Johannes Burchardt findet man auf Instagram unter: bauernjohny
Johannes Burchardt findet man auf Instagram unter: bauernjohny(Bild: zVg)

Während andere Influencer Designertaschen oder Traumhotels zeigen, nehmen Österreichs sogenannte „Farmfluencer“ ihre Follower mit auf Felder, in Hühnerställe und Schweinebetriebe oder zu Tiergeburten mitten in der Nacht. Sie präsentieren sich nicht gestylt, sondern echt: mit Schlamm an den Stiefeln, Staub in den Haaren, Sorgen ums Wetter, schlaflosen Nächten und einer Direktheit, die oft entwaffnend ist.

Manchmal humorvoll, manchmal emotional und manchmal auch unbequem. Denn wer Landwirtschaft wirklich zeigt, präsentiert nicht nur süße Tierbabys, sondern auch Druck, Existenzängste und Arbeitstage ohne Uhrzeit. Plötzlich sehen Konsumenten Dinge, die sonst verborgen bleiben. Wie früh Landwirtschaft beginnt, wie wenig planbar sie ist und wie sehr sie vom Wetter abhängt. Landwirtschaft ist kein Beruf mit geregelten Arbeitszeiten.

Tiere kennen keine Wochenenden, Kühe keine Feiertage, Ernten keine Verschiebung auf Montag. Noch vor wenigen Jahren wäre die Vorstellung absurd gewesen: Landwirte als Influencer. Heute ist genau das erfolgreiche Realität. Mit kurzen Videos, Instagram-Storys und direkten Antworten erklären die Bäuerinnen und Bauern ihren Alltag: wie lange Kälber bei der Mutter bleiben oder warum dies nicht immer möglich ist. Oder wann Felder bestellt werden müssen. Sie sind dabei entwaffnend ehrlich, und das macht sie auch glaubwürdig. Denn eines ist klar: Kaum eine Branche wird emotionaler diskutiert als die Landwirtschaft.

Viele Bauern haben das Gefühl, dass über sie gesprochen wird, aber selten mit ihnen. Die Farmfluencer drehen dieses Spiel um. Sie erklären, kontern Vorurteile, beantworten kritische Fragen – meist freundlich, aber manchmal auch mit Nachdruck. Vor allem, wenn es um das Thema Förderung geht. Denn dass Lebensmittel zu Preisen verkauft werden, die den tatsächlichen Aufwand nicht widerspiegeln, ist für viele Landwirte schlichtweg frustrierend.

Bewusstsein schaffen ist wichtiger als Likes
Mittlerweile gibt es 24 Farmfluencer in Österreich. Gegründet wurde diese Kommunikationsplattform 2022 vom Verein „Wirtschaften am Land“. Der Gedanke dahinter war und ist, durch Social-Media-Auftritte Nähe zwischen Erzeugern und Konsumenten zu schaffen. Die Farmfluencer-Beiträge sind humorvoll, charmant und herrlich unterhaltsam – und man lernt ganz nebenbei unglaublich viel über Landwirtschaft. Und vielleicht schaffen sie damit etwas, das weit über Likes und Reichweite hinausgeht: mehr Bewusstsein, woher unsere Lebensmittel kommen. Und vielleicht achten wir beim nächsten Einkauf nicht nur auf den Preis, sondern greifen bewusst zu österreichischen Produkten.

Melanies Social-Media-Beiträge zeigen, wie abwechslungsreich ihre Tage sind: Von der ...
Melanies Social-Media-Beiträge zeigen, wie abwechslungsreich ihre Tage sind: Von der Tierversorgung bis hin zu Schulungen ist alles dabei!(Bild: zVg)
Gschua Hof
Melanie Haas (32) aus Passail, (Stmk)

Melanie ist Bäuerin mit Herz und Seele. Schon als Kind hat sie am elterlichen Hof mitgeholfen. An der Universität für Bodenkultur in Wien hat sie ihren Titel als Diplomingenieurin erlangt. Auf den „Gschuahof“ ist sie durch die Liebe gekommen und betreibt ihn nun gemeinsam mit ihrem Mann Markus! Auf dem Hof ist richtig was los: Ochsenmast, eine Herde Juraschafe, die zur Beweidung der steilen Flächen dienen, zwei Esel, Hühner und Kaninchen. Dazu kommen auch noch die Unterrichtseinheiten für „Schule am Bauernhof“ und die von Meli angebotenen Jagd- und Waldpädagogischen Einheiten. Ach ja, und dann wären da noch die Streuobstwiesen für die Apfelsafterzeugung, der Christbaumverkauf und die Äcker für Futter und Getreide. Melanie zeigt mit ihren Beiträgen die beeindruckende Vielfalt ihres Alltags – authentisch, informativ und mit einer klaren Botschaft: Regionalität soll wieder einen höheren Stellenwert bekommen, und Konsumenten sollen wieder mehr nachfragen, woher ihr Essen kommt. 
Instagram: Gschua Hof

Beim „Bauernjohny“ stehen sogar die Kürbisse Kopf.
Beim „Bauernjohny“ stehen sogar die Kürbisse Kopf.(Bild: zVg)
Bauernjohny
Johannes Burchhart (29) aus Atzelsdorf im Tullnerfeld (NÖ)

Johannes ist ein Tausendsassa – er fährt Traktor genauso leidenschaftlich, wie er in der Küche seines Wirtshauses steht oder als DJ am Mischpult. Obwohl er eigentlich sein privates Familienumfeld in den Postings nicht zeigen möchte, gibt es doch auch entzückende Videos mit seinem Opa, der sich Sorgen macht, weil der „Bub“ in der finsteren Nacht noch immer am Traktor sitzt. Sein Tag beginnt meist mit dem Abwasch in der Küche, erst dann geht’s zur Landwirtschaft, und so manchen Abend lässt er als DJ ausklingen. Haben Sie gewusst, wie Kürbiskerne geerntet werden und dass das Fruchtfleisch gleich als Dünger am Acker bleibt? Bauernjohny erklärt und zeigt das Schritt für Schritt. Seine Leidenschaft für seine Arbeit ist immer spürbar und auch hörbar: „Stundenlang schau ich beim Heckscheibenkino raus, und mir wird nie fad dabei“, erzählt er, während er mit dem Pflug die Erde bewegt und das Feld vorbereitet.

Instagram: bauernjohny

Anna nimmt ihre zahlreichen Instagram–Follower mit in den Hühnerstall.
Anna nimmt ihre zahlreichen Instagram–Follower mit in den Hühnerstall.(Bild: zVg)
Geflügelhof.daller
Anna Daller (27) aus Rainbach im Innkreis (OÖ)

Ihre Hühner nennt sie liebevoll „meine Chicks“. Da Anna den Hof im Nebenerwerb betreibt, steht sie täglich um 4.45 Uhr im Stall, um nach ihren Tieren zu schauen und den Hofladen zu befüllen. Sie setzt auf Direktvermarktung – vor allem von hausgemachten Nudeln. „Es ärgert mich, wenn mir jemand schreibt, er kaufe lieber Nudeln, die unter zwei Euro das Kilo kosten.“ Damit kann und will sie nicht mithalten – denn bei ihren Produkten ist alles handgemacht, bis hin zur Verpackung. Dass ihre Teigwaren wirklich hervorragend sind, zeigt ihre Teilnahme am Kulinarikevent „The taste of Austria“, wo Farmfluencerin Anna im Dirndl präsentierte – Tradition ist ihr eben auch bei der Mode eine Herzenssache. 
Instagram: Geflügelhof.daller

Michael liebt die Arbeit in der Käserei – doch sein Arbeitsalltag ist vielfältig! Sein Motto: ...
Michael liebt die Arbeit in der Käserei – doch sein Arbeitsalltag ist vielfältig! Sein Motto: „40-Stunden-Woche? Die haben wir meistens schon am Mittwoch erledigt!“(Bild: EVA LECHNER)
felber.bauer
Michael Pfaffenbichler (30) aus St. Peter in der Au (NÖ)

Spätestens um 5.45 Uhr beginnt sein Tag mit Melken, Füttern, Einstreuen – erst danach gibt’s für ihn selbst Frühstück. Anschließend geht’s aufs Feld, ins Büro oder am liebsten in die Käserei. In einem Post erwähnt er seine „Top-5-Horrorfilme“: Die Dürre / Die kranke Kuh / Kaputte Maschinen / Sozialversicherung / Milchpreissenkung. Seine Partnerin Nadja hat er bei einer Schulung zur Käseerzeugung in Vorarlberg kennengelernt. Sie teilt seine Leidenschaft für Kühe und Käse und bezeichnet die Beziehung als Melkstandromantik.

Instagram: felber.bauer

Sebastian Bauer engagiert sich auch politisch und steht bei Bauern-Demonstrationen ganz vorne.
Sebastian Bauer engagiert sich auch politisch und steht bei Bauern-Demonstrationen ganz vorne.(Bild: Imre Antal)
bauaranger
Sebastian Bauer (24) aus Neusiedl am See (Bgld)

„Ich will den Menschen zeigen, dass Landwirtschaft weit mehr ist, als nur blöd im Kreis zu fahren“, erzählt Sebastian im Gespräch mit der „Krone“! Und genau das gelingt ihm beeindruckend. Jedes Video beginnt mit dem charmanten Spruch: „Freunde der Sonne!“ BOKU-Student Sebastian erklärt Landwirtschaft verständlich, sympathisch und mit Herzblut – vom Sojaanbau bis hin zu den Folgen von zu viel oder zu wenig Regen. Er vermittelt Wissen auf eine Art, die unterhält und gleichzeitig die Augen öffnet. Sebastian ist auch politisch aktiv und ist Mitorganisator und Sprecher beim Bündnis Zukunft Landwirtschaft. Sein Ziel: faire Preise und die verpflichtende Herkunftskennzeichnung.

Instagram: bauaranger

Bei Lisa können Interessierte auch den Hof sammt Stall besichtigen
Bei Lisa können Interessierte auch den Hof sammt Stall besichtigen(Bild: zVg)
jahners_spanferkel
Lisa Zanker (32) aus Bruck an der Leitha (NÖ)

Lisa betreibt den Jahner-Hof, der sich auf Spanferkel spezialisiert hat, gemeinsam mit Ehemann Sebastian. Den Familienbetrieb gibt es seit 1890, in den 1970er-Jahren wurde auf Direktvermarktung umgestellt. Die Schweine leben auf Stroh, das Futter kommt von den eigenen Äckern, der Mist geht als Dünger zurück in den Kreislauf. Im Netz zeigt sich der Hof ehrlich und transparent: Lisa zeigt nicht nur ihre Ferkel, sondern auch den Alltag – ungeschönt und nahbar. Immer wieder öffnet sie ihre Stalltüren für Interessierte: „Viele kommen mit Neugier und gehen mit einem ganz anderen Blick auf die Landwirtschaft“, postet die sympathische Bäuerin. Ihr Wunsch: endlich Transparenz in der Gastronomie und mehr Planungssicherheit für alle, die bäuerliche Betriebe leiten.

Instagram: jahners_spanferkel

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