Am Sonntag entscheidet Ungarn über seine Zukunft: Nach 16 Jahren an der Macht droht Viktor Orbán erstmals die Abwahl. Die ungarischstämmige Politologin Eszter Kovàts zeichnet im krone.tv-Interview ein Bild der Lage – und sieht Chancen für einen Machtwechsel.
„Nach den aktuellen Meinungsumfragen stehen die Chancen für Péter Magyar sehr gut“, sagt Kovàts. Verlässliche Institute sehen einen Vorsprung von 10 bis 15 Prozentpunkten für die Tisza-Partei. Bei einer Rekord-Wahlbeteiligung von 75 bis 80 Prozent könnte dieser Vorsprung sogar noch größer ausfallen.
Warum wackelt Orbán plötzlich?
Lange Zeit schien der Premier unantastbar. Doch die schlechte wirtschaftliche Lage, marode Infrastruktur und der schwere Begnadigungsskandal 2024, der hierzulande mit dem Ibiza-Skandal zu vergleichen ist, haben das Regime geschwächt, erklärt Kovàts. In dieses Vakuum stieß Péter Magyar – ein ehemaliger Fidesz-Politiker. Seine Botschaft: „Ich habe mich auch geirrt. Es ist okay, dass ihr früher Fidesz gewählt habt.“ Diese Absolution wirke bei vielen ehemaligen Orbán-Wählern besser als jede moralische Kritik der alten Opposition, erklärt Kovàts.
Der Wahlkampf ist in den letzten Wochen extrem hart und schmutzig geworden. Gegen Péter Magyar wurden schwere Vorwürfe erhoben: Er soll Drogen nehmen und es gab Drohungen mit der Veröffentlichung eines heimlich gefilmten Sexvideos aus dem Jahr 2024. Magyar ließ sich daraufhin in Wien öffentlich auf Drogen testen – das Ergebnis war negativ.
Politologin Eszter Kovàts sagt dazu: „Verleumdung und solche schmutzigen Mittel sind in Ungarn leider normal geworden. Sie dienen vor allem dem psychischen Druck.“ Dennoch scheine nichts an Magyar zu haften - sie spricht von einem regelrechten „Teflon-Effekt“.
Hysterische Stimmung und Angst-Kampagnen
Als besonders außergewöhnlich in diesem Wahlkampf bezeichnet Kovàts die Ausuferung der Anti-Ukraine-Kampagne und die Angst, die damit versucht wird zu erzeugen. Orbán und Fidesz schüren Panik, die Ukraine wolle Ungarn „kolonisieren“ und stelle eine direkte Gefahr für das Land dar. Sogar Soldaten wurden zur „Sicherung kritischer Infrastruktur“ abgestellt – für den Fall eines angeblichen ukrainischen Angriffs. Kovàts warnt: „Das geht in die Extreme und schafft eine hysterische Stimmung im ganzen Land.“
Wie mächtig ist Orbán noch?
Trotz aller Kontrolle über Medien, Justiz und Wahlrecht zeigt das Orbán-System erste Risse. „Was man jetzt schon sehen kann, ist, das System sickert. In den letzten Monaten sind deutlich mehr interne Informationen an die unabhängige Presse gelangt als je zuvor“, berichtet Kovats. Polizisten, Militärangehörige und sogar Geheimdienstler gehen inzwischen offen an die Öffentlichkeit. „Es gibt keine Einheit mehr.“
Sollte Magyar gewinnen, hängt viel davon ab, ob er eine einfache oder eine Zweidrittelmehrheit erreicht. Bei nur einfacher Mehrheit könnten die mit Fidesz-treuen Leuten besetzten Institutionen (Präsident, Verfassungsgericht, Haushaltsrat) die neue Regierung massiv blockieren. Kovàts ist jedoch überzeugt: „Man darf die gesellschaftliche Stimmung nicht unterschätzen. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung hinter Magyar steht, lassen sich nicht alle Blockaden nur mit Juristerei aufrechterhalten.“
Was würde ein Sieg von Magyar bedeuten?
Für die EU wäre ein Regierungswechsel ein spürbarer Reset. Magyar will konstruktiv, aber kritisch mit Brüssel zusammenarbeiten. Bei Migration und Ukraine-Politik dürfte er jedoch weiter einen harten Kurs fahren. Kovàts warnt zugleich: Die Erwartungen an Magyar sind extrem hoch und sehr unterschiedlich – von Rache an Orban bis hin zu Versöhnung. „Er wird es sehr schwer haben, alle zufriedenzustellen.“
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