Besetzte Gebiete

Kreml zementiert mit Geld sein „Neurussland“

Außenpolitik
31.03.2026 08:49
Porträt von krone.at
Von krone.at

Zerstörte Gleise, brennende Waggons, schwarze Rauchschwaden: Videos ukrainischer Kämpfer dokumentieren Sabotageakte gegen Russlands Nachschublinien in den von Moskau besetzten Gebieten der Ukraine. Doch die Angriffe können den Vormarsch kaum bremsen.

Während die Kämpfer punktuell treffen, treibt Moskau im Hintergrund den massiven Ausbau von Infrastruktur und Industrie in den besetzten Gebieten voran. Hunderte Millionen Dollar fließen in Straßen, Bahnlinien, Häfen und Industrieanlagen. Ziel ist es nicht nur, den Krieg logistisch zu unterstützen, sondern die Gebiete langfristig enger an Russland zu binden.

Besetzte Regionen werden als „Neurussland“ bezeichnet
Moskau bezeichnet die besetzten Regionen im Osten und Süden der Ukraine – darunter Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson – offiziell als „Neurussland“. Während im Westen der besetzten Gebiete weiter gekämpft wird, entstehen östlich neue Verkehrsachsen und Handelsstrukturen. Im Zentrum steht ein weit verzweigtes Verkehrsnetz. Eine neue, mehr als 500 Kilometer lange Bahnlinie soll die Regionen miteinander und mit Russland verbinden. Parallel wird die sogenannte „Noworossija-Autobahn“ geschaffen – ein Teilstück des „Asowschen Rings“, einer geplanten Rundstrecke von rund 1400 Kilometern, die die besetzten Gebiete mit Russland und der Krim verbinden und nach russischen Angaben bis 2030 fertiggestellt werden soll. Laut Reuters-Auswertung von Satellitendaten wurden zwischen 2022 und 2025 mehr als 2500 Kilometer an Straßen und Schienenwegen neu gebaut, repariert oder modernisiert.

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Die Russen haben in drei Jahren Besatzung der neuen Gebiete so viel erreicht wie in zehn Jahren auf der Krim.

Olha Kuryschko

Das Vorgehen erinnert an die Annexion der Krim 2014, vollzieht sich aber in einem deutlich höheren Tempo. „Die Russen haben in drei Jahren Besatzung der neuen Gebiete so viel erreicht wie in zehn Jahren auf der Krim“, sagt Olha Kuryschko, die Beauftragte des ukrainischen Präsidenten für die Krim. „Sie haben alles so schnell umgesetzt, so viel Geld ausgegeben und noch eins draufgelegt. Die Krim war ihr Übungsgelände.“

Die Infrastruktur dient mehreren Zwecken: Sie erleichtert den Transport von Truppen und Militärgerät, aber auch von Rohstoffen wie Kohle und Getreide. Gleichzeitig schafft sie wirtschaftliche Verflechtungen, die eine Rückgabe der Gebiete an die Ukraine erschweren dürften. „Der wichtigste Faktor für Russland ist die Infrastruktur“, erklärt ein Vertreter des ukrainischen Militärgeheimdienstes, der namentlich nicht genannt werden wollte. Sie sei entscheidend, um den Nachschub für die eigenen Truppen zu sichern.

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Wie Russland dort investiert, deutet darauf hin, dass es nicht die Absicht hat, diese Gebiete zurückzugeben.

Sicherheitsexpertin Karolina Hird

Ausverkauf von Bodenschätzen und Ackerland
Auch Häfen spielen eine zentrale Rolle. Anlagen am Asowschen Meer, etwa in Mariupol und Berdjansk, werden ausgebaut und wieder für den internationalen Schiffsverkehr geöffnet. Satellitenbilder zeigen neue Lagerhallen und wachsende Umschlagplätze. Parallel erschließt Russland gezielt Ressourcen. Russische Zolldaten zeigen, dass zwischen März 2022 und März 2025 mindestens 508.500 Tonnen Kohle im Wert von 13,2 Millionen US-Dollar (11,46 Mio. Euro) aus den besetzten Regionen exportiert wurden, unter anderem an Unternehmen in der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Über staatliche russische Auktionen werden zudem Minen und Agrarflächen vergeben. Darunter befindet sich die Goldmine Bobrykiwske in der Region Luhansk. Ihr Goldvorkommen von rund 1,64 Tonnen hat einen geschätzten Marktwert von fast 260 Millionen Dollar. Die Abbaurechte wurden laut Verkaufsunterlagen für 9,7 Millionen Dollar an ein Unternehmen vergeben, das vom russischen Bergbaukonzern Poljanka kontrolliert wird. Zuvor hatte eine australische Firma die Mine entwickelt, musste ihre Arbeit jedoch 2014 nach der Besetzung der Region durch prorussische Separatisten einstellen.

„Wiederbelebung historischer russischer Gebiete“
Insgesamt hat Russland nach Reuters-Berechnungen rund 11,8 Milliarden Dollar für den Aufbau der besetzten Gebiete zwischen 2024 und 2026 eingeplant – deutlich mehr als für viele eigene Regionen. Präsident Wladimir Putin spricht von einem groß angelegten Programm zur „Wiederbelebung historischer russischer Gebiete“. Sein Sprecher Dmitri Peskow erklärte gegenüber Reuters, die Gebiete seien ein integraler Bestandteil der Russischen Föderation. „Das steht in der Verfassung des Landes.“ Für Beobachter zeigt das vor allem eines: Moskau setzt auf Dauer. „Wie Russland dort investiert, deutet darauf hin, dass es nicht die Absicht hat, diese Gebiete zurückzugeben“, meint die Sicherheitsexpertin Karolina Hird vom Washingtoner Institute for the Study of War.

Die Ukraine weist die russischen Ansprüche entschieden zurück. Präsident Wolodymyr Selenskyj verwies auf die russischen Investitionen auf der Krim als Beispiel und bezeichnete diese als „Fassade“, die vor allem militärischen Zwecken diene. Auch westliche Staaten lehnen eine Anerkennung der Annexion strikt ab und sehen in der Integration der besetzten Gebiete einen Versuch Russlands, vollendete Tatsachen zu schaffen. Währenddessen geht der Ausbau weiter und die Sabotageakte ukrainischer Kämpfer können daran bisher wenig ändern. „Das Schienennetz ist Hunderte Kilometer lang“, räumt der ukrainische Soldat Orest ein. „Wir sind leider nicht allmächtig.“

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