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„Funktioniert überall“

Gemischte Schulen, kaum Kriminalität: So geht’s

Steiermark
27.03.2026 11:18

Dem belgischen Politiker Bart Somers gelang der Wandel des gefährlichen Mechelen zur sicheren und saubersten Stadt des Landes – trotz hohen Migrationsanteils. Selbst Brennpunktschulen sind inzwischen durchmischt. Seine Philosophie ist überall anwendbar, auch in Graz, meint er.

Wenn er von Mechelen spricht, könnte man Bart Somers tagelang zuhören. Seit 25 Jahren steht er als Bürgermeister der 90.000-Einwohner-Stadt in Belgien vor, 2016 erhielt er den World Mayor Award. Am Donnerstag sprach er auf Einladung der ExtremismuspräventionSstelle an der Uni Graz über sein Buch „Mein Rezept gegen Kriminalität und Terror“.

Mechelen hatte einst die höchste Kriminalitätsrate, war die dreckigste Stadt des Landes. Heute ist sie die sauberste, wächst wirtschaftlich am stärksten, die Verbrechensrate ist niedrig. Dabei ist der Migrationsanteil hoch. Doch wie wurde Mechelen zum Musterbeispiel für Integration?

Mechelen hat sich in nur zwei Jahrzehnten stark gewandelt.
Mechelen hat sich in nur zwei Jahrzehnten stark gewandelt.(Bild: Ekaterina Belova - stock.adobe.com)

Sicherheit, öffentlicher Raum und keine Fremdenfeindlichkeit
„Jede Stadt ist einzigartig, aber die Philosophie bleibt die gleiche“, meint Somers zur „Krone“. Neben Kreativität und Mut brauche es Sicherheit bzw. eine Null-Toleranz-Politik (in der Stadt hängen nun mehr Überwachungskameras), einen einladenden öffentlichen Raum (Grätzel machen z.B. Spiele-Nachmittage, während sie gemeinsam die Straßen von Müll säubern) und Inklusion statt Fremdenfeindlichkeit.

Vor Längerem habe man zum Beispiel große Probleme in einem Viertel gehabt. „Die Polizei kontrollierte daraufhin Tag und Nacht, es hagelte für alles Strafen, wenn das Autolicht etwa im 14- statt 13-Grad-Winkel stand. Nach ein paar Tagen baten uns die jungen Leute um einen Neustart“, erzählt Somers. Es müsse klar sein, wer der Boss ist, aber auch jeder zuerst eine Chance erhält. „Man kann schnell auf die schiefe Bahn geraten, das wollen wir verhindern.“

So mussten die bekanntesten Unruhestifter der Stadt regelmäßig zur Polizei, bei einem Vergehen landeten sie sofort vor Gericht – Abmachung mit der Staatsanwaltschaft. „Aber wir fragten sie auch, was los ist.“ Manche hatten keinen Job, andere familiäre Schwierigkeiten. Ihnen wurde geholfen, solange sie bereit waren, sich zu bessern.

Ein anderes Konzept sieht vor, dass ältere Jugendliche in den Ferien auf Spielplätzen nach dem Rechten sehen, wo sich Junge aufhalten. „Die Älteren empfinden Verantwortung, die Jüngeren sehen nicht den weißen Polizisten, sondern vertraute Gesichter vor ihnen.“

55
Prozent der Kinder und Jugendlichen in Mechelen haben einen Migrationshintergrund. 38 Prozent der Bewohner haben eine Migrationsgeschichte.

Buddys für Neuankömmlinge, kein Platz für Extremismus
Wieder woanders wurden Väter-Gruppen installiert. Sie konnten sich auf einen Tee treffen, spazierten dann auf den Straßen umher: „Einfach, um ein Auge in schwierigen Nachbarschaften offen zu halten. Nach wenigen Wochen stellten sich Verbesserungen ein.“ Als Somers Bürgermeister wurde, begann er, die Lichter und Straßen auch in ärmeren Vierteln zu sanieren: „Ein Zeichen an alle!“

Wer neu in die Stadt kommt, dem wird ein Helfer zur Seite gestellt, um Sprache und Gepflogenheiten zu lernen. „Egal, ob konservativ oder liberal, nach ein paar Wochen tauschen sich beide Seiten mehr aus. Dann ist der Ali kein Fremder mehr, und für Ali ist Mechelen sein Mechelen.“ Wichtig sei, das Gefühl von „wir vs. die anderen“ nicht aufkommen zu lassen. „Sonst kann Extremismus entstehen.“

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Es darf kein „Wir vs. die anderen“ entstehen. Jeder muss sich als Mechelener fühlen.

Bart Somers

Ein weiteres Beispiel: Ein Box-Klub, in dem Mädchen und Burschen, muslimische und christliche, gemeinsam trainieren. Auch hier gilt Strenge: Wer einmal auf der Straße einen echten Kampf anfängt, wird ausgeschlossen.

Auch die Pfadfinder sind jetzt durchmischt. „Wir haben anfangs an den Türen von migrantischen Familien geklopft, ihnen das Konzept, die Tradition erklärt.“

Durchmischung an Schulen
Durchmischung gelang Somers tatsächlich auch an Schulen. „Eine Familie will ihr Kind nicht allein in eine Brennpunktschule geben, also haben wir ein Dutzend gefragt und mehr Hilfe für die Schulen versprochen. Umgekehrt wurden Familien mit Migrationshintergrund ermutigt, ihre Kinder an elitärere Schulen zu geben. Über 200 Familien haben inzwischen mitgemacht.“ Was in Städten wie Graz seit Jahren diskutiert wird – in Mechelen hat es geklappt.

Die Aufzählung mit Beispielen aus der belgischen Stadt könnte noch lange weitergehen. Fest steht aber: „Natürlich ist all das harte Arbeit, stößt auch auf Widerstand, aber es lohnt sich und kann überall funktionieren!“ 

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