Sa, 23. Juni 2018

Fassen Sie sich kurz!

28.12.2005 19:08

Gesundheitsministerin rät bei Handys zur Vorsicht

Seit es Handys gibt, findet diese Debatte regelmäßig zwischen Politikern, Ärzten, Wissenschaftlern und in der Bevölkerung statt: Schaden uns Mobiltelefone mehr als sie nützen? Sie strahlen, definitiv. Das Für oder Wider ihres Daseins abwägen zu können, traut sich aber keiner so richtig zu. Österreichs Gesundheitsministerin hat jetzt einen Versuch gestartet und „Empfehlungen“ fürs Handytelefonieren veröffentlicht. Das kurze Papier mit Ratschlägen, die sich - nach dem derzeitigen Stand der Dinge - zunächst etwas unpraktisch anhören, soll auch in Schulen aufgehängt werden.

Das Papier trägt den umfassenden Titel „Was Sie beim Umgang mit dem Handy beachten sollten“. Hier die offiziellen Anweisungen vom Gesundheitsministerium:

  • In Situationen, wo sie zwischen Handy und Festnetz wählen können, nutzen Sie das Festnetz
  • Fassen Sie sich kurz
  • Wenn möglich, nicht bei schlechtem Empfang telefonieren (weil Handys dann die Leistung erhöhen)
  • Telefonieren Sie möglichst wenig im Auto
  • Warten Sie ein wenig beim Verbindungsaufbau, bevor Sie das Handy an den Kopf führen
  • Benutzen Sie Headsets
  • Platzieren Sie Ihr Handy im eingeschalteten Zustand über Nacht in einiger Entfernung (nicht auf oder unter dem Kopfpolster)
  • Schicken Sie ein SMS statt zu telefonieren

Studie, die zu einer Studie rät
Vorangegangen ist der Kampagne eine wissenschaftliche Studie und eine Pressekonferenz. Für die Studie beauftragte Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat den Obersten Sanitätsrat, der in einer 25-seitigen Veröffentlichung schlussfolgert: „Weder die vorliegenden [...] Studien noch die experimentellen Befunde lassen derzeit die Aussage zu, dass von Mobiltelefonen kein Risiko ausgeht.“ Man fügt jedoch hinzu, dass die bisherigen Untersuchungen keinen genauen Schluss zulassen, ob jetzt wirklich ein Zusammenhang zwischen Handynutzung und einem erhöhten Krebsrisiko besteht. Einen Hinweis darauf gibt es aber in den Ergebnissen. Anmerkung: Von Handymasten ist in der Studie gänzlich nicht die Rede. Man beschränkt sich ausschließlich auf Mobiltelefone und deren Nutzung. Also auf die „kleinen Sender“.

Achtung in der Hose!
Ganz andere Schlüsse zieht die Studie in Sachen (Un-)Fruchtbarkeit. So heißt es in der Zusammenfassung weiter: „Die vorliegenden Untersuchungen an Menschen und Versuchstieren zeigen Hinweise auf eine Beeinflussung der Spermien durch Mobilfunkexposition.“ Der Expertenrat empfiehlt dem Ministerium unbedingt weitere Untersuchungen anzuordnen. Womit es also als nicht ratsam angesehen werden darf, sein Handy in der Lendengegend zu tragen, wie es zum Beispiel mit Gürtelclips der Fall ist.

Keine Gewissheit bei Kindern
Der Sanitätsrat hat auch versucht, das Gesundheitsrisiko für Kinder durch Handys zu erforschen. Allerdings beißt die Wissenschaft auch hier auf undokumentierten Granit der einfach noch nicht lange genug erforscht ist. Die Studie schließt daher mit den unbefriedigenden Worten „eine evidenzbasierte Aussage zum Risiko für Kinder kann daher nicht getroffen werden“.

Kinder unter 16 ohne Handy
Rauch-Kallats Parteigegner SPÖ beschreibt hingegen in einer aktuellen Aussendung Studien aus Schweden, die sehr wohl von (negativen) Langzeitfolgen durch den Gebrauch von Mobiltelefonen berichten. Die Ärztekammer ist ebenfalls anderer Meinung und sieht die Richtlinien des Ministeriums als zu locker. Allerdings ist man in der Ärztekammer laut SPÖ der Meinung, dass Kinder unter 16 Jahren - gesundheitlich betrachtet - besser ohne Handy leben würden. Was angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung heutzutage aber als etwas schwer durchsetzbar erscheint. Kritik kommt auch in Bezug auf die ausgelassenen Handymasten, die ja auch ein erhebliches Gesundheitsrisiko bergen könnten.

Keine Lösung zu welchem Problem
Was sowohl die Studie als auch die Gegner auslassen, ist die Antwort auf das „und jetzt?“. Gesundheitsschädlich hin oder her, selbst wenn man Handys und Handymasten ein Krebsrisiko nachweisen kann, wird es schwierig dies in der Bevölkerung zu kommunizieren. In den letzten Jahren wurde das Mobiltelefon zum privaten Freund, zur Schnittstelle, zum ultimativen Draht zur Welt und viele Male auch zum Lebensretter.

Warum also in Zeiten des zivilen Kommunikationsmangels den Menschen raten, anstatt wenigstens via Handy zu reden, nur mehr SMS zu schreiben? Ebenso seltsam mutet ein Vorschlag an, Kindern unter 16 vom Handygebrauch abzuraten. Ein anderer Ansatz wäre, den Herstellern auf die Pelle zu rücken. Die sind aber selten gesundheitspolitischen Maßstäben unterworfen. Und überhaupt sagen auch die Studien unterschiedliches, das nicht immer nur vom Auftraggeber abhängt.

Um es mit den Worten eines Politikers zu beschreiben: „Es is alles sehr kompliziert!“ Bis die Weisheits-Stecknadel im Heuhaufen gefunden ist, kann man sich wahrscheinlich nur selbst seinen eigenen „Handy-Leitfaden“ zurechtlegen und ihn aus dem zusammenstückeln, was man zum Leben braucht und was die Ärzte und Ministerien empfehlen. Das Minsteriumspapier gänzlich zu verdammen, wäre hier sicher falsch. Schließlich wurden die weisen Ratschläge ja dort auch nicht kurz vor Weihnachten erfunden! Experten aus aller Welt geben regelmäßig und schon seit Jahren die Empfehlung: Handy so weit von Kopf, Herz und Lendengegend weg, wie's geht. Die sinnvollste Erweiterung dessen, scheint tatsächlich die Benutzung von Headsets zu sein, die heutzutage mit jedem Handy mitgeliefert werden, oder als Zubehör erhältlich und per Bluetooth verbunden, angenehm zu benutzen und sogar kabellos sind.


Christoph Andert

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