Liebe Leserin, lieber Leser, am heutigen Sonntag wählt Österreich den neuen Nationalrat. Die Ausgangsposition ist überaus spannend, bezüglich der künftigen Bundesregierung sind gleich mehrere Konstellationen möglich. So mancher mag sich angesichts der verworrenen Ausgangslage und der großen Auswahl an Parteien ein wenig überfordert fühlen. Früher, ja früher war die Welt zumindest bei Wahlen tatsächlich einfacher. Der Schriftsteller Robert Schneider erinnert sich in der heutigen Sonntagsausgabe der „Vorarlberg Krone“ an die Zeit seiner Kindheit, als eine Wahl noch ein geradezu feierlicher Akt war. Er schreibt: „An jenen Sonntagen herrschte in unserem Dorf eine merkwürdig geduckte Stimmung. Das konnte man daran erkennen, dass die Männer, die sich vor dem Kirchenportal zur Messe einfanden, einander nicht wie sonst mit zotigen Sprüchen begrüßten oder witzelten, sondern mit todernstem Gesicht sofort in die Kirchenbank schlurften und sich schweigend hinsetzten. Die Frauen sowieso. Aber das taten sie, auch wenn kein Wahlsonntag war.“ Nicht nur, dass damals in Vorarlberg erst nach dem Kirchgang gewählt wurde, man wusste in der Regel auch, wo man Kreuz zu machen hatte – nämlich dort, wo ÖVP stand. Der rote Bruno Kreisky hingegen, so erinnert Robert Schneider, galt vielen als der personifizierte Antichrist. Insofern hat sich unsere Welt auch zum Besseren entwickelt: Die Gesellschaft ist durchlässiger geworden und vor allem bunter. Ja, es gibt viele Gräben, aber die gab es früher ebenfalls – und sie waren mit Sicherheit schwieriger zu überwinden, als das heute der Fall ist. Machens Sie’s gut, bleiben Sie gesund – und gehen Sie wählen! Herzlichst, Emanuel Walser.
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