Tage der Gewalt

Hintergründe der Proteste: Der Film ist nur “Aufhänger”

Ausland
17.09.2012 12:26
Nach Tagen gewaltsamer Proteste in muslimischen Ländern stellen sich nicht nur im Westen viele die Frage: Wie kann ein im Internet veröffentliches Amateurvideo eines unbekannten Fanatikers, auch wenn es noch so provokant gestaltet ist, weltweite Folgen nach sich ziehen? Es kann, wenn die Umstände passen. Experten sind sich einig, dass bei den Ergeignissen in den letzten Tagen viele Faktoren zusammenspielten und die Filmszenen dabei fast zufällig zum "Aufhänger" der Proteste wurden.

Warum wird gegen die USA protestiert und nicht gegen die Filmemacher selbst?
Der Nahost-Experte Ed Husain sieht die Erklärung dafür in der diktatorischen Vergangenheit der Länder des Arabischen Frühlings. In einem Kommentar für den US-Sender CNN meint Husain: "Die Menschen in diesen Ländern sind in Diktaturen geboren und aufgewachsen. Sie gehen davon aus, dass jedes Land seine Bürger fest in Griff hat und ein Film wie dieser nicht ohne den Sanktus der Regierung entstehen kann." Deswegen werde aktuell die US-Regierung für den Film verantwortlich gemacht. 

Von dieser Haltung in der Bevölkerung scheinen auch die Regierungen auszugehen. Ägyptens Präsident Mursi hat in Los Angeles studiert und weiß um die Unumstößlichkeit des Rechts auf freie Meinungsäußerung in den USA, trotzdem forderte er am Donnerstag die US-Regierung auf, den Urheber des Films zu bestrafen. Dass der als demokratische Revolution gepriesene Arabische Frühling nun zu einer Re-Islamisierungswelle führe, glaubt Husain aber nicht. "Die Aufstände haben in Libyen und Ägypten Tyrannen entmachtet, aber Regierungen und Bevölkerung müssen erst lernen, dass eine Demokratie nicht nur freie Wahlen, sondern auch eine freie Gesellschaft bedeutet", so der Nahost-Experte. Nicht zuletzt aufgrund der ökonomisch tristen Situation, in der sich die Länder befinden, fällt dies besonders schwer.

Warum löst ein Video, das Monate niemanden interessiert, von heute auf morgen weltweit Proteste aus?
Die "Digitalisierung" der arabischen Welt während der Bürgerrevolutionen der letzten Jahre führte zu einer engen Vernetzung diverser Interessensgruppen - demokratischer wie religiös-fanatischer. Die Filmszenen waren zwar schon zwei Monate lang "inkognito" auf dem Videoportal YouTube online, als Anfang September das ägyptische Fernsehen darüber berichtete, verbreiteten sie sich aber binnen weniger Tage über soziale Netzwerke und Blogs wie ein Lauffeuer - ausgeschmückt mit Verurteilungen und Protestaufrufen radikaler Prediger. 

Wie viele Menschen in den muslimischen Ländern die Filmszenen tatsächlich gesehen haben, wie viele bloß Standbilder und einzelne Zitate erfuhren oder ausschließlich durch die Kommentare von Predigern auf den Mohammed-Film aufmerksam wurden, ist unklar. Sami al-Faraj, Direktor eines Thinktanks in Kuwait, glaubt, dass nur eine Minderheit das Video gesehen hat und die Aufregung großteils konstruiert sei: "Solche Proteste brauchen Organisatoren."

In Bahrain wurden Protestaufrufe über Twitter verbreitet, die konservative Islamistenpartei in Pakistan zog mit Massen-SMS und Lautsprecherdurchsagen in Moscheen alle Register. Tausende Gläubige füllten am Freitag ganze Straßenzüge in Städten.

Warum gab es sofort Gewalt?
Die anti-amerikanischen Proteste flammten in der Tat nicht langsam auf, sondern explodierten: Gleich zu Beginn der Demonstrationen markierte der Sturm auf die US-Botschaft in Bengasi einen blutigen Höhepunkt, der die Hemmschwelle von Protest zu Gewalt mit Anlauf durchbrach - eine "Steilvorlage" für die Heftigkeit späterer Proteste.

Für Slaman Shaikh vom Brookings Doha Center in Katar sind die heftigen Demonstrationen in den Revolutionsländern die Folge eines seit Jahrzehnten etablierten "latenten Anti-Amerikanismus", der jetzt hervorbreche: "Aber das ist nur ein Teil. Primär geht es um den Kampf, diesen Staaten Leben einzuhauchen, eine Seele zu geben." Jugendliche beteiligen sich so zahlreich an Demonstrationen, um "Flagge" zu zeigen. Für viele ist in diesen schwierigen Zeiten die Religion das Einzige, mit dem sie sich selbst definieren können.

Sind die neuen arabischen Regierungen machtlos?
Die Regierungen der Länder des "Arabischen Frühlings" sind den radikalen Elementen derzeit nicht gewachsen und können auch deren Einfluss auf die Bevölkerung, in der sie kaum noch Vertrauen genießen, nicht einschätzen. In Ägypten und Libyen, wo die Proteste Anfang letzter Woche ihren Ausgang nahmen, haben die jeweiligen Premierminister und Präsidenten einen Drahtseilakt zwischen der Verteidigung der Staatsreligion und damit eines wesentlichen Teils der Identität der Bevölkerung und der Verurteilung von Gewaltakten zu vollführen. Noch dazu will keiner von ihnen als Freund der USA gelten.

Die libysche Regierung verfügt angesichts des hohen Bewaffnungsgrades der Bevölkerung durch den vergangenen Bürgerkrieg auch nicht über die behördlichen Mittel, Ausschreitungen einzudämmen. Vor dem Sturm auf die US-Botschaft räumten die libyschen Sicherheitskräfte angesichts der Übermacht von rund 200 teils schwer bewaffneten Demonstranten das Feld.

Ägyptens Präsident Mohammed Mursi musste zu Beginn der Proteste in seinem Land auch seiner Herkunft aus der Muslimbruderschaft Rechnung tragen, verurteilte die Filmszenen auf das Schärfste und billigte die Demonstrationen gegen die USA, die zu diesem Zeitpunkt schon als Ausschreitungen zu bezeichnen waren. Dass Demonstranten an die Außenmauer der US-Botschaft den Namen Osama bin Ladens geschmiert hatten, wurde offiziell nicht kommentiert. Nach dem Attentat in Bengasi gab es seitens der Muslimbruderschaft trotz allem einen Aufruf zu Anti-US-Protesten nach dem Freitagsgebet. Mursi, zu dieser Zeit auf Antrittsbesuch in der EU, verurteilte dann zwar in einem Statement den Angriff auf die Botschaft, bekräftigte aber erneut, dass der Film "überall in der arabischen Welt" zu Zorn führe. 

Als Donnerstag und Freitag von Unruhen begleitete Proteste in Dutzenden anderen Ländern aufflammten, zog die Muslimbruderschaft ihren Aufruf zur Großdemo zurück - zu spät. In Kairo waren die Proteste nur noch mit Tränengas und Wasserwerfer in Griff zu halten. Bis zum Wochenende gab es Hunderte Verletzte.

Geht es wirklich nur um den Film?
Antwort: Nein. Denn nicht nur radikale Prediger und Islamisten-Organisationen stacheln die Empörung über den Film an und nützen die Proteste für ihre Zwecke, auch mächtige politische Player mischen mir ihren ganz eigenen Interessen mit: Eine Demonstration gegen den Mohammed-Film in Teheran, der Hauptstadt des Irans, wurde am Freitag vom Regime in Szene gesetzt und zu einer Massendemo gegen die USA und Israel orchestriert. Helfer der geistlichen Obrigkeit verteilten Hunderte professionell gestaltete Transparente mit dem Konterfei von US-Präsident Barack Obama, auf seinen Augen Davidsterne.

Das anfangs vom Filmemacher selbst, einem koptischen Christen, als Ablenkung in die Welt gesetzte Gerücht, der Anti-Islam-Film sei von jüdischen Investoren in den USA finanziert worden, nahmen im Iran sogar Regierungsvertreter in ihre Statements auf. Der ehemalige Atomverhandler und jetzige Parlamentspräsident Ali Larijani ließ sich mit der demonstrierenden Menge in Teheran fotografieren.

Als die Proteste am Wochenende abebbten, legte die staatsnahe iranische Stiftung "15. Chordad" nach. Das Kopfgeld auf den britischen Autor Salman Rushdie ("Die satanischen Verse") werde um rund 400.000 Euro auf umgerechnet 2,5 Millionen Euro erhöht. Die geistliche Führung des Irans hatte 1988 in einer Fatwa zur Ermordung des Autors aufgerufen, am Sonntag erklärte der Leiter der Stiftung - mit dem Film "Innocence of Muslims" als Beispiel -, dass islamfeindliche Attacken niemals aufhören würden, solange die Tötung Rushdies nicht durchgeführt werde.

Auch die radikal-islamischen Taliban stimmen in den Kanon ein: Ein Sprecher appellierte am Wochenende in Afghanistan, "die Botschaften Amerikas aus muslimischen Ländern rauszuwerfen". Wer immer auf amerikanische Botschafter oder Diplomaten treffe, solle diese töten. Die Taliban bekannten sich zu dem Angriff auf das US-Lager Camp Bastion in der Unruheprovinz Helmand, bei dem zwei US-Soldaten und mindestens 17 Angreifer getötet wurden. Dies sei aus Vergeltung für den Film geschehen. Ein anderer Taliban-Sprecher erklärte jedoch, die Attacke habe dem Minsatz und ist erklärtes Ziel der Taliban.

Als Gelegenheit zum Eigenlob für sich und sein Land nahm der Ministerpräsident der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, die Proteste wahr: Erdogan forderte am Montag eine weltweite Ächtung der Islamophobie. Er werde das Thema bei der bevorstehenden UNO-Vollversammlung in New York zur Sprache bringen. Die muslimische Türkei habe den Antisemitismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gebrandmarkt, dagegen habe der Westen die Islamophobie nicht geächtet, sondern sogar noch dazu ermuntert. Dass es in der Türkei keine gewalttätigen Proteste gab, schrieb Erdogan der Politik seiner Regierung zu, die unter anderem durch Reformen wie die Aufhebung des Kopftuchverbots an den Universitäten den radikalen Kräften das Wasser abgegraben habe. Seine Regierung habe hier "wie ein Blitzableiter" fungiert.

Andererseits scheint die visuelle Natur der Videoaufnahmen - ungeachtet ihrer dilettantischen Umsetzung - ein stärkerer Stimulus zu sein, als bisherige Islam-Provokationen. Der Anführer der schiitischen Hisbollah-Miliz im Libanon, Hassan Nasrallah, nannte den Film am Sonntag "den schlimmsten jemals gestarteten Angriff auf den Islam", noch verheerender als die Verbrennung des Koran und die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Europa. Er rief zu einer Woche des Protests auf: "Die ganze Welt muss die Wut in euren Gesichtern, euren Fäusten und euren Schreien sehen", die ganze Welt müsse begreifen, dass Mohammed Anhänger habe, die zu dem Film nicht schweigen würden. 

Wo sind die "vernünftigen" Stimmen unter arabischen Geistlichen?
Antwort: Sie sind da und finden beim Großteil der gläubigen Muslime auch Gehör. Denn trotz aller Brutalität und der dramatischen Auswirkungen sind in die Proteste nur vergleichsweise kleine Gruppierungen involviert. Außerhalb islamistisch geprägter Länder wie dem Jemen oder dem Iran und den politisch instabilen Revolutionsländern Ägypten, Libyen und Tunesien werden Demonstrationen von radikalen Minderheiten mit maximal einigen wenigen Hundert Beteiligten veranstaltet. Kleinere Demos, auch mit brennenden US-Flaggen, gibt es zudem Woche für Woche - nur finden sie da nicht im Schatten eines Botschafter-Mordes statt, um in den internationalen Medien berücksichtigt zu werden.

Viele gemäßigte Granden der islamischen Gelehrtenwelt haben ihre Gläubigen in den vergangenen Tagen zur Mäßigung aufgerufen. Der einflussreiche Großscheich der Al-Ashar Universität in Kairo, Ahmed al-Tajeb, mahnte seine muslimischen Glaubensbrüder zur Ruhe und schlug eine als internationales Zeichen zu beschließende UN-Resolution vor, die Blasphemie ächtet. Schließlich werde auch der Antisemitismus von den UN verurteilt. Die al-Ashar gilt im sunnitischen Islam bei Rechtsfragen als höchste Instanz.

In Nigeria meinte der oberste Religionsführer, Scheich Sani Yahya Jingir, dass Gewalt dem Islam "noch nie etwas gebracht hat". Der einflussreiche palästinensische Prediger Khaild Amayreh stellte die Proteste als Teufelskreis dar: "Die Amerikaner habe ihre Idioten und Fanatiker, wir haben unsere Idioten und Fanatiker. Und wenn die Amerikaner ihre Idioten nicht stoppen können - oder wollen -, so können auch wir unsere nicht in den Griff bekommen." Aus Saudi-Arabien meldete sich der Vorsitzende des Obersten Rates der Religionsgelehrten zu Wort. Wer seinem Zorn nachgebe, mache sich letztlich nur zum Erfüllungsgehilfen der Urheber des Hassvideos.

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