Zurück in den Krieg

Familienbande - stärker als die Angst vor dem Tod

Wien
07.05.2022 06:00

Jeden Tag fährt vom Wiener Hauptbahnhof aus ein Zug nach Kiew. Die „Krone“ befragte Vertriebene, weshalb sie unsere Sicherheit verlassen und zurück in den Kriegshorror reisen.

Zur Hölle! Wir leben noch und wir werden gegen die Russen gewinnen“, sagt Ina N. Mit dem spürbaren Mut der Verzweiflung und der lange aufgestauten Wut gegen die Besatzer erklärt sie, warum sie mit ihrem neunjährigen Sohn Yegor zurück nach Kiew fährt: „Ich will meinem Mann und meinem zweiten, achtzehnjährigen Sohn näher sein, um ihnen irgendwie beizustehen! Beide kämpfen für unsere Freiheit. Sie sollen nicht das Gefühl haben, gerade jetzt von mir verlassen worden zu sein.“

Dabei haben die 36-Jährige und ihr sichtlich verstörter Bub die Kriegsgräuel schon am eigenen Leib verspürt. „Zwei Wochen lang versteckten wir uns in Tschernihiw in einem Keller. Kaum etwas zu essen und zu trinken.“

Handynachricht über im Raketenhagel Zerfetzte
Ständig erhielten sie schaurig-traurige Handynachrichten über Verwandte und Freunde – zerfetzt im Raketenhagel. Oder feige erschossen! „Damals dachte ich: Nichts wie weg!“, erinnert sich die zweifache Mutter apathisch an den Beginn ihrer Odyssee. Im unbeleuchteten, überfüllten Zug ging es im Dunkel der Nacht ratternd Richtung Westen.

Zitat Icon

Ich habe es nicht mehr ausgehalten, dass mein Mann und mein Sohn ohne mich für unsere Freiheit kämpfen. Ich will in ihrer Nähe sein, damit sie sich nicht verlassen fühlen.

Ukraine-Rückkehrerin Ina N. (36)

Nach den Schrecken des Todes und der Finsternis endlich wieder Sonne, Wärme und Erholung bei Freunden in Salzburg: Kurzum Frieden in Freiheit!

Doch trotz drei Wochen heiler Welt in der Mozartstadt packte Ina das Heimweh. Die Sehnsucht und das Bangen um ihre geliebten Daheimgebliebenen waren zu groß. Selbst schockierende Berichte und Bilder über Massaker und Kriegsverbrechen der Russen schrecken sie nicht von der jetzigen riskanten Rückkehr ab.

Gänsehautszene auf Bahnsteig 11: So wie weitere 70 Ukrainer warten Ina und ihr Sohn auf den Zug ins Ungewisse. Während ringsum Pendler scherzend nach Hause fahren, Pärchen küssend ihrem Urlaub entgegenträumen, stehen ukrainische Mütter und ihre Kinder wie ein Häufchen Elend inmitten des Bahnhofes. Versteinert blicken sie der 26-stündigen Fahrt in die Kriegszone – vielleicht sogar in den Tod – entgegen.

Zerrissen zwischen Krieg und Frieden
Zerrissen zwischen zwei Welten steht auch Katharyna vor den Geleisen. „Meine Großeltern brauchen mich. Sie haben niemanden mehr“, sagt sie. Die 22-Jährige kam nach ihrer Flucht einige Wochen bei Landsleuten nahe Mistelbach (NÖ) unter. Nun wirkt die junge Näherin im rot-weiß-roten Trainingsanzug gefasst.

„Die Ungewissheit darüber, was gerade zu Hause passiert, war nicht mehr auszuhalten“, so das Motiv ihrer Rückreise. „Werden Sie gegen die Russen auch kämpfen?“, die direkte Journalistenfrage. Katharyna gibt keine Antwort. Sie nickt nur. Blickt stolz in die Kamera und verkörpert stumm den unbeugsamen Kampfeswillen ihres Landes.

So nett wir unseren Befragten samt ihren Kindern auch „gute Reise und alles erdenkliche Glück“ wünschen, so unbeholfen ist der Abschied: Wer sieht schon gerne Flüchtlinge in einen Zug einsteigen, der zurück Richtung Krieg abfährt?

Auf dem Weg zur U-Bahn spricht uns eine adrette Ukrainerin an. Sie denkt nicht an Heimkehr und will nur den Weg zum Riesenrad erfragen, „um im Wurstelprater mit ihren Zwillingstöchtern den Kriegshorror ein wenig zu vergessen. Wenn auch nur für einen Abend“.

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