Pommers Feierabend

Blick in die Digitalisierungs-Hölle

Pommer am Abend
15.03.2022 15:25

Einen schönen Dienstagabend.

Jeder hat eine eigene Vorstellung vor der Hölle. Ich saß vor ein paar Monaten im Musical „Cats“, zumindest bis zur Pause, und kam meiner schon sehr nahe. Es gibt die Judaswiege, ein mittelalterliches Folterwerkzeug, nach dessen Gebrauch ein orthopädisches Sitzkissen ratsam ist - sagen wir so: Ich hätte den Abend lieber darauf verbracht. Wie auch immer, jedenfalls glaube ich nicht, dass böse Menschen unendlich lange in Feuerkesseln sitzen, quasi in des Satans Weber-Grill, und vor sich hinköcheln. Hölle ist Einsamkeit, Verlust, nicht enden wollende Trauer, seelische Bestrafung für Sünden, Hölle ist Krankheit, Dahinsiechen, Krieg. Für die Hölle muss man nicht tot sein.

Die Religionen haben unterschiedliche Zugänge, jeder von uns seinen Glauben. Während also die Hölle alles sein kann, vom Ort ewiger Verdammnis bis zu „Cats“, ist die Digitalisierungs-Hölle recht klar definiert. Die Digitalisierungs-Hölle ist ein unwirtlicher Ort, angeführt von einer Königin, die sich daran ergötzt, wenn Menschen so lange durch Amtsstuben gejagt werden, bis sie den Verstand verlieren. Dieser digitale Sadismus macht deren Opfer willenlos, sie flehen um Erlösung, aber ihre Bestrafung ist die Ausweglosigkeit.

Digitalisierungshöllenkönigin Margarete Schramböck sühnt, indem sie Österreichern empfiehlt, im Kaufhaus Österreich einen Artikel zu erwerben. Wer nicht frühzeitig aufgeben wollte und es tatsächlich versucht hat, wurde nie wiedergesehen, verschwunden im digitalen Bermudadreieck. In ihrer Verzweiflung sind die Menschen bereit, alles für die Errettung zu geben, Haus, Hof, Erstgeborenes, aber erst ein gelungener Kaufabschluss befreit sie aus der Dauerschleife des Elends. Ich kenne niemanden, dem das gelungen wäre.

Und jetzt hat sich die Digitalisierungshöllenkönigin eine neue biblische Plage einfallen lassen. Die ID-Austria, der „Ich-organisiere-das-von überall-Ausweis“. Schon an dieser Namensgebung ist zu erkennen: Hier sollen Menschen gequält werden. Wer also bislang eine Handy-Signatur hatte, besitzt dann einen „Ich-organisiere-das-von überall-Ausweis“. Das gehe in einem einfachen Online-Prozess, heißt es, auf der Homepage wird ein etwas umständlicher Weg vorgeschlagen: In der aktuellsten Version der App ,Digitales Amt` anmelden, mit behördlichem Lichtbildausweis und Smartphone zu einer Behörde gehen (Terminanmeldung nicht vergessen). Für behördlich aktivierte Handy-Signaturen (z. B. Aktivierung bei einem Amt oder über Finanzonline), wird ab dem Sommer ein vereinfachter Online-Umstieg auf eine volle ID Austria zur Verfügung stehen. Der Gang zur Behörde entfällt in diesem Fall. Für alle anderen: Vor Ort TAN aufs Smartphone erhalten und dem Behördenmitarbeiter mitteilen. Nach Aufforderung Erstanmeldung am Smartphone durchführen und mit Eingabe des Signatur-Passworts abschließen.

Alles klar? Zuerst den „Ich-organisiere-das-von überall-Ausweis“ beantragen und dann in „Cats“ sitzen. Ich gebe zu, das ist eine Version der Hölle, vor der ich mich sehr fürchte.

Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.

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