Mo, 16. Juli 2018

"Unendlich traurig"

19.05.2011 07:00

IWF-Chef Strauss-Kahn tritt wegen Sex-Affäre ab

Dominique Strauss-Kahn, der Chef des Internationalen Währungsfonds, hat die Konsequenzen aus der Sex-Affäre gezogen und ist zurückgetreten, wie der IWF am späten Mittwochabend in Washington mitteilte. Wie die Organisation weiter erklärte, schrieb Strauss-Kahn einen formalen Brief an den Fonds. Er sei "unendlich traurig", seinen Rücktritt bekannt geben zu müssen, hieß es darin. Strauss-Kahn soll versucht haben, in einem New Yorker Luxushotel ein Zimmermädchen zu vergewaltigen. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft und bestreitet alle Vorwürfe.

"Ich denke in diesem Moment zuerst an meine Frau, die ich mehr als alles andere liebe, an meine Kinder, meine Familie, meine Freunde. Ich denke aber auch an meine Kollegen beim Währungsfonds; zusammen haben wir Großartiges in den vergangenen drei Jahren und darüber hinaus geleistet", schrieb Strauss-Kahn. "Ich weise mit größtmöglicher Entschiedenheit alle gegen mich erhobenen Vorwürfe zurück", erklärt der Franzose weiter. "Ich möchte die Institution, der ich ehrenhaft und hingebungsvoll gedient habe, schützen - und ganz besonders will ich meine ganze Kraft, Zeit und Energie einsetzen, um meine Unschuld zu beweisen."

Der IWF teilte am Mittwoch weiters mit, dass Strauss-Kahns Vize John Lipsky die Geschäfte des Fonds führen wird, bis ein neuer Direktor ernannt ist. Offensichtlich sah sich Strauss-Kahn zum Rücktritt gezwungen, nachdem die USA als wichtigstes IWF-Geberland offen eine Übergangsregelung an der Spitze der mächtigen Finanzorganisation gefordert hatten. Strauss-Kahn sei "offensichtlich nicht in der Lage", den Währungsfonds zu lenken, sagte US-Finanzminister Timothy Geithner.

Bereits vor dem Rücktritt von Strauss-Kahn, der auch als möglicher französischer Präsidentschaftskandidat galt, war die Nachfolgedebatte in vollem Gang. Die französische Finanzministerin Christine Lagarde gilt für Beobachter momentan als heiße Kandidatin. Aber auch Entwicklungs- und Schwellenländer melden angesichts ihres wachsenden Gewichts in der Weltwirtschaft Anspruch auf den Spitzenjob an, der bisher traditionell an einen Europäer ging. Ein möglicher Nachfolger für Strauss-Kahn muss nach Worten von Brasiliens Finanzminister Guido Mantega nicht zwingend ein Europäer sein. "Die Zeit ist längst vorbei, in der es auch nur entfernt hätte angemessen sein können, diesen wichtigen Posten für einen Europäer zu reservieren", so Mantega am Mittwoch.

Anwälte Strauss-Kahns wollen erneut Kaution stellen
Strauss-Kahns Anwälte wollen am Donnerstag erneut versuchen, ihn per Kaution aus der Haft zu bekommen. Bis zu einem Prozess müsste der Franzose dann aber auf jeden Fall in New York bleiben. "Wir haben Bedingungen zugesagt, die alle Bedenken zerstreuen können, dass Mr. Strauss-Kahn die Stadt verlässt", erklärten die Anwälte. "Und wir hoffen, ihn umgehend von Rikers Island zu holen." Auf der Gefängnisinsel im New Yorker East River sitzt der 62-Jährige seit Montag. Noch ist aber unklar, mit welchem Angebot oder welcher Strategie die Anwälte in die Verhandlung gehen wollen.

Am Montag hatte es Richterin Melissa Jackson abgelehnt, Strauss-Kahn gegen eine Kaution von einer Million Dollar (rund 700.000 Euro) vorerst auf freien Fuß zu setzen. Strauss-Kahn hatte versichern lassen, er würde bei seiner in den USA lebenden Tochter bleiben und notfalls eine elektronischen Fußfessel tragen. Das Gericht hatte eine Freilassung aber abgelehnt. Bei dem vermögenden und international vernetzten IWF-Chef bestehe Fluchtgefahr.

Zimmermädchen sagte bereits vor der Grand Jury aus
Indes hat das mutmaßliche Opfer des IWF-Chefs überraschend bereits vor der Grand Jury ausgesagt. Der Fernsehsender CNN berichtete am Mittwochabend, dass die 32-Jährige, die eine verwitwete Einwanderin aus dem westafrikanischen Guinea ist und eine Tochter hat, am selben Tag abgeschirmt von Schaulustigen in New York vernommen wurde. Die Grand Jury hat letztlich zu entscheiden, ob es zu einem Prozess gegen den Franzosen kommt. Über die Aussage der Frau vor der Kammer wurde zunächst nichts bekannt.

Mutmaßliches Opfer bestreitet einvernehmlichen Sex
Doch schon zuvor hatte der Anwalt der 32-Jährigen erklärt, dass sie bestreitet, einvernehmlichen Sex mit Strauss-Kahn gehabt zu haben. Die "New York Post" hatte am Dienstag unter Berufung auf eine Quelle im Umfeld des 62-Jährigen berichtet, dass er bei seiner Verteidigung "einvernehmlichen" Sex mit dem mutmaßlichen Opfer einräumen könnte. Strauss-Kahns Anwalt Ben Brafman hatte bei einer Anhörung gesagt, dass die Beweise "im Widerspruch zu einem erzwungenen Treffen" stehen würden, ohne allerdings den Punkt weiter auszuführen.

Der Anwalt des Zimmermädchens wiederum erklärte am Mittwoch dem TV-Sender NBC: "Nichts war einvernehmlich bei dem, was in diesem Hotelzimmer passiert ist." Wenn die Jury die Aussage des Opfers höre, werde sie sehen, dass die Behauptungen über einvernehmlichen Sex "nicht wahr" sind.

Unterdessen berichten französische Zeitungen, dass ein Überwachungsvideo aufgetaucht sei. Es zeige zuerst das Zimmermädchen, das offenbar in Panik aus dem Raum stürme. Wenig später verlasse auch Strauss-Kahn das Hotelzimmer, den Angaben zufolge "in Hast". Der 62-Jährige war wenig später aus der Ersten Klasse eines Air-France-Flugzeugs geholt worden, das nur Minuten später Richtung Europa abheben sollte.

Grand Jury muss über eine formelle Anklage entscheiden
Die New Yorker Ermittler legten sechs Anklagepunkte vor, darunter versuchte Vergewaltigung, Freiheitsberaubung sowie einen "kriminellen sexuellen Akt", worunter im US-Strafrecht erzwungener Oral- oder Analverkehr fällt. Die Grand Jury muss nun bis zum nächsten Anhörungstermin am Freitag über eine formelle Anklage des 62-Jährigen entscheiden.

Das aus bis zu 23 Geschworenen bestehende Gremium ist eine Besonderheit des US-Strafrechts: Die Laienrichter prüfen hinter verschlossenen Türen, ob die von der Staatsanwaltschaft vorgelegten Beweise für eine Anklage ausreichen. In der Regel winken die Geschworenen die Anklage der Staatsanwaltschaft durch.

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