18.10.2021 09:00 |

„Krone“-Kolumne

Wie der Impfstatus die Partnersuche beeinflusst

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zum neuen K.-o.-Kriterium bei der Partnersuche.

Die „sexuelle Rezession“ hält an. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: Verglichen mit den Vorjahren sind in der Pandemie verhältnismäßig wenige sexuelle Kontakte zustande gekommen. Hinter der verringerten Quantität verbirgt sich aber auch eine neue Qualität von Dating, wie aktuelle Forschungen zu Singles in den USA herausgefunden haben. Denn mittlerweile gibt es einen neuen „deal breaker“ beim Dating, also ein Ausschlusskriterium für neue Partnerinnen und Partner.

Was früher eine andere politische Meinung oder Religion war, ist heute der Impfstatus. Ob jemand bereits geimpft ist oder nicht, entscheidet darüber, ob eine interessante Person überhaupt für ein Treffen in Frage kommt. Mehr als die Hälfte der Befragten in der US-amerikanischen Studie gab an, dass sie wahrscheinlich keinen Sex mit einem ungeimpften Date haben würde. Vor allem Menschen, die selbst geimpft sind, wünschen sich einen ebenfalls geimpften Partner.

Nachdem die Mehrheit der Singles geimpft ist, könnte es für nicht-geimpfte Menschen bei ihrer Partnersuche zunehmend eng werden. Denn eine Impfung gegen das Corona-Virus ist vielen Menschen mittlerweile sogar wichtiger als dass der/die Zukünftige nicht rassistisch oder homophob ist, oder die gleiche Ethnizität hat. Als Soziologin kommt man in der Pandemie aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Meine Forschung bestätigt einige der aktuellen Ergebnisse aus den USA für Österreich. 55 Prozent der von mir befragten Singles ist es in der Pandemie wichtig, vor dem Sex den Gesundheitsstatus ihrer Partnerinnen bzw. Partner zu kennen. Menschen haben sich außerdem nicht nur mit langjährigen Vertrauenspersonen über ihre Haltung zu den Pandemie-Maßnahmen zerstritten, sondern sie legen diesen Maßstab zunehmend auch auf neue Bekanntschaften an. Im Winter sagten 17 Prozent der Befragten auf Partnersuche, dass sie ausschließlich Personen daten, die die gleiche Einstellung zur Pandemie-Bekämpfung haben wie sie selbst.

Das scheint vielleicht auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Auf Tinder ist es allerdings mittlerweile üblich, dass Singles einen „Geimpft“-Sticker verwenden, der durch ein Pflaster am Profil-Foto sofort den persönlichen Impfstatus für alle Interessierten und Nicht-Interessierten transparent macht. Verifiziert wird das freilich von Tinder genauso wenig wie das Alter oder andere Profil-Angaben. Aber ein Treffen mit Unbekannten lebt ohnehin von einem wechselseitigen Vertrauen, das im Vorhinein gewährt wird, ohne dass man wissen kann, ob es gerechtfertigt ist oder nicht. Zumindest erübrigen sich durch „Geimpft“-Sticker die Diskussionen. Man trifft sich ohnehin nur mehr mit Menschen, die dieselbe Meinung und denselben Impfstatus haben. Das könnte in Zukunft noch interessant werden. Nicht, weil ich denke, dass es Singles aus der Rezession führen wird. Sondern weil der Impfstatus als neues Sortierprinzip in Zukunft vielleicht Menschen zusammenführt, die sich vor zwei Jahren aufgrund anderer Differenzen noch keine Chance gegeben hätten.

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Barbara Rothmüller
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