11.10.2021 10:21 |

„Krone“-Kolumne

Dating: Es ist, was es ist

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über den laschen Umgang mit der Wahrheit bei der Partnersuche. 

Menschen greifen zu unterschiedlichsten Mitteln, um sich bei der Partnersuche in einem besseren Licht darzustellen. Der nachvollziehbare Wunsch nach Dating-Erfolg nimmt teilweise skurrile Formen an, die bis zu manipulativer Selbstdarstellung reichen, in Einzelfällen sogar mit krimineller Absicht.

Vor einigen Jahren bin ich in einem Forschungsprojekt darüber gestolpert. Eine interviewte Frau erzählte damals, dass sie sich am Abend nie abschminkt, wenn sie ihren neuen Freund trifft. Er sollte sie nicht ungeschminkt sehen. Zumindest nicht zu Beginn des Datings, denn sie hatte Angst, dass er sie ohne Make-up vielleicht nicht mögen würde. Dafür ging sie sogar mit Wimperntusche & Co ins Bett.

Onlinemedien und Dating-Apps haben in den letzten Jahren einer manipulativen Selbstdarstellung Vorschub geleistet. Die Möglichkeiten reichen von Fotofiltern bis zu Fake-Accounts mit falschen Bildern und erfundenen Informationen. Dass Menschen ihre potenzielle neue Liebe beim ersten Treffen kaum erkennen, weil deren Tinder-Fotos so vorteilhaft oder aber vor mehr als zehn Jahren aufgenommen wurden, ist dabei noch das geringste Problem. Problematisch wird es, wenn bei wichtigen „Details“ aktiv gelogen wird.

Manche dieser geschönten Fakten sind vielleicht erst einmal folgenlos. Ältere Männer machen sich zum Beispiel jünger, weil sie eine jüngere Frau für sich gewinnen, und damit sich selbst wieder jung und interessant fühlen möchten. Die gezielte Manipulation des Alters ist aber auch eine Strategie bei Cybergrooming, d.h. der (strafbaren!) Anbahnung von sexuellen Kontakten mit Minderjährigen im Internet, bei denen sich die Täter häufig selbst als Jugendliche ausgeben. Mit Manipulation wird auch versucht, einsame Menschen auf Partnersuche finanziell auszunehmen.

Nicht immer enden diese Lügen dramatisch. Menschen auf Partnersuche flunkern bei ihrem Beruf, ihrem Vermögen, ihrem Beziehungsstatus, ja sogar bei ihrer sexuellen Erfahrung. Ob Lügen allerdings ein gutes Fundament für eine Liebesbeziehung sind, mag zu Recht bezweifelt werden. Zwischen ein wenig Verschönerung und gezielten Manipulationsabsichten besteht ein großer, wenngleich auch nur gradueller Unterschied. Soziologisch gesehen können kleine Nachbesserungen der Realität auf Dauer nachhaltige Werteverschiebungen erzeugen. Man gewöhnt sich an eine neue Normalität, in der alle Fotos nachgebessert sind, niemand Falten und Fettröllchen hat, alle jung, fit und gut gelaunt sind. Dass das alles zu schön ist, um wahr zu sein, fällt dann nur Menschen mit realistischem Erfahrungsschatz auf. Für junge Menschen aber beispielsweise, führt diese virtuelle Welt der Verschönerung zu einer verzerrten Realitätswahrnehmung, die ihre psychische Gesundheit negativ beeinflussen kann.

Wenn man dazu steht, wie man ist, ohne dem Glück so übertrieben nachhelfen zu wollen, kann man auch gewinnen, nämlich Selbstachtung und eine authentische Liebesbeziehung. „Es ist, was es ist“, sagt bekanntlich die Liebe.

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Barbara Rothmüller
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