26.09.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Emotionale Probleme bei sexuellen Annäherungen

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zu den emotionalen Problemen bei sexuellen Annäherungen.

Ob Ghosting, Abhängigkeit, Kontrolle oder Betrug: Es gibt unzählige Arten, wie sexuelle Annäherung zum Debakel werden kann. Sexualität mit einer anderen Person ist immer eingebettet in irgendeine Art von emotionaler Beziehung. Und da kann zwischen Menschen einiges schieflaufen. Nehmen wir zum Beispiel Betrug. In der zweiten Staffel der Teenager-Serie „Sex Education“ näherte sich die Hauptdarstellerin Maeve ihrem Nachbarn Isaac an, mit dem sie zunehmend mehr Zeit verbrachte. Aus der Freundschaft entwickelten sich romantische Gefühle, zumindest bei Isaac, der auf ihre enge Beziehung zu Schulkollegen Otis eifersüchtig wurde. Um die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen den beiden zu torpedieren, löscht er am Ende der zweiten Staffel eine Sprachnachricht von Otis an Maeve, mit der Otis ihr endlich seine Liebe gestehen wollte. Nachdem Maeve nie die Nachricht gehört hatte, und daher nicht auf sein Liebesgeständnis reagiert, beginnt Otis im Sommer eine unverbindliche Sexbeziehung zu einer anderen Frau. Als Maeve davon nach dem Schulbeginn zu Beginn der dritten Staffel erfährt, fühlt sie sich in ihrer Verunsicherung bestätigt, dass Otis sie nicht wirklich liebt. Isaac kann also triumphieren - und weiter auf eine Liebesbeziehung mit Maeve hoffen. Aber kann sich eine Beziehung auf der Basis einer solchen Lüge emotional ausgehen?

Die Serie „Sex Education“ wird darauf ihre eigene Antwort geben, der hier nicht vorgegriffen werden soll. Aber es ist klar, dass sich bei der eifersüchtigen Kontrolle von privaten Nachrichten nur sehr schwer eine intime Vertrauensbeziehung entwickeln kann. Wenn Kontroll- oder Betrugsversuche auffliegen (und das tun sie meistens früher oder später), reissen sie einen Abgrund in die sexuelle Annäherung zwischen Menschen, der nur mit viel emotionaler Arbeit wieder geschlossen werden kann. Das gilt auch für Datinglügen über das Alter, den Berufs- oder Beziehungsstatus, für verheimlichte Gspusis oder andere Unwahrheiten. Für Menschen, die bereits viele negative Beziehungserfahrungen gemacht haben, wiegt ein Vertrauensbruch schwer. Maeve zum Beispiel musste sich aufgrund der Vernachlässigung ihrer suchtkranken Mutter früh alleine durchschlagen. Für sie ist es allgemein schon schwierig, anderen Menschen zu vertrauen. In einer Liebesbeziehung ist sie biografisch besonders verletzlich und daher lieber vorsichtig, manchmal sogar noch misstrauischer als bei anderen Sozialkontakten. Leider hält das Misstrauen nicht, was es verspricht: Es schützt einen vor Enttäuschungen nicht. Erleben misstrauische Menschen wie Maeve einen Vertrauensbruch, kann das, ganz im Gegenteil, tief verletzend wirken und auch nachfolgende Annäherungen belasten.

„Sex Education“ wäre allerdings nicht „Sex Education“, wenn die Serie nicht die Komplexität dieser emotionalen Risse und Gletscherspalten in Liebesbeziehungen durchmessen würde. Manchmal hat man wie Maeve Glück und erfährt in einem Gespräch die Hintergründe der Betrugsversuche. Von der Unfähigkeit, zu sich selbst und seinen Fehlern zu stehen, oder Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sich Gefühle ändern, sexuelle Erregung ausbleibt, oder Verlustängste überhandnehmen. Solche Erklärungen sind keine Entschuldigung für emotional missbräuchliches Verhalten. Aber sie vermitteln zumindest eine Einsicht, die der Frage nach dem „Warum?!“ ein wenig den Stachel nehmen kann. Es ist einer Serie wie „Sex Education“ hoch anzurechnen, dass sie emotionale Kompetenzen bei sexuellen Annäherungen thematisiert. Denn wie der Internationale Verband der Familienplanungsstellen 2016 festgehalten hat, ist sexuelle Bildung heute noch immer „zu wenig, zu spät und zu biologisch, und adressiert unzureichend die umfassenderen emotionalen, moralischen und sozialen Probleme“ von Jugendlichen. Oft leider auch nicht, muss ich hinzufügen, die der Erwachsenen.

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Barbara Rothmüller
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