19.09.2021 09:00 |

„Krone“-Kolumne

„Sex Education“ ist in der Schule unerlässlich

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über die sexuelle Bildung von Jugendlichen in der Schule. 

Pünktlich zum Schulbeginn ist es so weit: Nach langem Warten sind seit Freitag acht neue Folgen der Netflix-Serie „Sex Education“ online. Bereits die ersten beiden Staffeln waren bei Jugendlichen extrem beliebt. Denn die Serie schafft, was sexuelle Bildung eigentlich immer leisten sollte: An die Lebenswelt und Interessen von Jugendlichen anzuschließen. Und die sind vielfältig: Während für die einen Sex noch überhaupt kein Thema und maximal eklig ist, sind die anderen bereits mit sich selbst oder ihren Partnern am Experimentieren. Dabei ergeben sich für Jugendliche viele Unsicherheiten.

Allerdings finden es nicht alle schicklich, offen über Sexualität zu sprechen. Und so startet die dritte Staffel von Sex Education mit einer neuen Schuldirektorin, der es besonders wichtig ist, das öffentliche Bild einer allzu aufgeschlossenen „Sex-Schule“ zu verändern. Sie möchte den Kampf um die sexuelle Gesundheit der Schüler selbst in die Hand nehmen. Mit Strenge, und grauen Schuluniformen. Strenge hat die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen allerdings noch selten positiv beeinflusst, im Gegenteil. Erwachsene, die Jugendliche in ihren Anliegen nicht ernst nehmen, werden schnell selbst nicht ernst genommen. Und das ist manchmal auch besser so.

Wie wichtig die Schule als Ort für die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen ist, wird häufig unterschätzt. Ich höre immer wieder, dass Leute denken, dass Pornos ohnehin den Aufklärungsunterricht abgelöst hätten und Lehrer auch gar nicht geeignet seien, um Wissen über Sexualität zu vermitteln. Das sehe ich differenzierter. In einer deutschen Studie zu Jugendsexualität zeigte sich letztes Jahr, dass zwei Drittel der Jugendlichen ihr Wissen über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung nach wie vor aus dem Schulunterricht beziehen sowie aus persönlichen Gesprächen, meist mit engen Freunden. Lehrpersonen zählen dabei für jeden dritten Jugendlichen zu den wichtigsten Personen bei der Aufklärung über sexuelle Dinge. Es ist also nicht ganz unwichtig, wie und ob überhaupt in der Schule über Sexualität gesprochen wird.

Faktenwissen im Bio-Unterricht ist für eine jugendspezifische Aufklärung aber jedenfalls zu wenig. Selten sind Jugendliche so umfassend informiert, engagiert und einfühlsam wie Otis und seine Freundinnen in „Sex Education“, die die Mitschüler (und Zuseher) gegen Geld mit sexualpädagogischem Basiswissen versorgen. Sex-Wissen zu vermitteln ist gar nicht die Aufgabe von Jugendlichen: In Österreich ist durch den Grundsatzerlass Sexualpädagogik rechtlich vorgesehen, dass neben den Erziehungsberechtigten vor allem Lehrpersonen in der Schule für sexuelle Bildung verantwortlich sind. Sie haben den staatlichen Auftrag, über Sexualität zu unterrichten, an das Alter der Kinder und das Unterrichtsfach angepasst, und gestützt auf die Wissenschaft und professionelle Sexualpädagogik.

Jugendliche haben nämlich ein Recht auf wissenschaftlich korrekte Informationen zu Sexualität. Sie sollen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung in emotionaler und sozialer Hinsicht so gefördert werden, dass sie ihre Sexualität selbstbestimmt leben können. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn Erwachsene eine positive Haltung zu Lust, Sexualität und sexueller Vielfalt vertreten - ein Qualitätsstandard sexueller Bildung, der nicht nur in kommerziellen Online-Serien wie „Sex Education“ verwirklicht sein sollte.

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Barbara Rothmüller
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