Fr, 16. November 2018

Kolumne „Im Gespräch“

16.09.2018 08:00

„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“

Der Sommer geht Schritt für Schritt in den Herbst über. Nach Urlaub und Auszeit hat uns die Routine des Alltags wieder fest im Griff. Für rund 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche in Österreich heißt das: Schule. Wenn ich sie mit ihren Schultaschen und Rucksäcken in der Früh in der Straßenbahn sehe, muss ich an eine Schule 10.000 Kilometer weit weg denken, die ich vor einiger Zeit besucht habe.

Die Schule ist in Kibera, einem der größten Slums Afrikas, in Kenias Hauptstadt Nairobi gelegen. In meiner Erinnerung reise ich dorthin zurück, sehe 350 Kinder dicht gedrängt auf dem Schulhof stehen. Bevor der Unterricht beginnt, beten sie, christliche und muslimische Kinder gemeinsam. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt“, zitiert der Direktor der Schule, David Kitawa, aus der Bibel. „Ihr könnt alles werden: Ärztinnen, Piloten. Alles, was ihr wollt. Ich traue euch das zu!“ David spricht den Kindern Mut zu - mitten im Slum.

Leben in Kibera, leben im Slum
Das heißt: wohnen in kleinen Hütten ohne Fenster, keine Toilette, kein fließendes Wasser, keine befestigten Straßen, wenn es regnet, versinkt alles im Schlamm, Müll auf den engen Gassen. Wie viele Menschen auf den 2,5 Quadratkilometern leben, weiß keiner genau - vielleicht eine Million, vielleicht auch zwei. Die Stadtverwaltung interessiert sich nicht für sie. Und so nehmen die Menschen ihr Leben selbst in die Hand. Organisieren ihre eigene Müllabfuhr, treiben Handel, bieten Dienstleistungen, spielen Straßentheater, eröffnen Kinos - und gründen Schulen.

Auch im Slum kann etwas Gutes wachsen
David ist in Kibera aufgewachsen. Er hatte die Chance zu studieren. Er könnte einen guten Job finden und in Wohlstand leben. Aber David ist nach Kibera zurückgekommen. Weil er etwas weitergeben möchte von dem, was er bekommen hat. „Die Schule ist hier, mitten in Kibera, damit die Kinder lernen, dass auch im Slum etwas Gutes wachsen kann“, sagt David. „Die Medien bringen immer negative Berichte über Kibera. Sie berichten von Gewalt, Schmutz, AIDS. Natürlich gibt es diese Probleme. Aber die Medien fokussieren nur das Negative. Sie stellen die Menschen in Kibera als minderwertig dar. Wir möchten die Kinder bestärken, damit sie wertschätzen können, woher sie kommen.“

Und es funktioniert. Trotz schwieriger Umstände erzielen die Kinder tolle Lernerfolge. Das hat sich herumgesprochen. Die Schule hat einen ausgezeichneten Ruf. Ihr Ruf ist so gut, dass Leute, die nicht im Slum leben, fragen: Können wir unsere Kinder zu euch nach Kibera in die Schule schicken?

Das wünsche ich mir auch für alle Schüler und Schülerinnen in Österreich: Schulen mit Lehrern und Lehrerinnen, die ihnen viel zutrauen, sie wertschätzen und ihnen so dabei helfen, nach dem Himmel zu greifen und Gutes wachsen zu lassen.

Pfarrerin Maria Katharina Moser, Kronen Zeitung
maria.moser[@]glaubenskirche.at

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