Vatikan-Forscherin:

"Totenschein" Jesu auf Turiner Grabtuch

Wissenschaft
20.11.2009 19:34
Eine Wissenschaftlerin des Vatikan behauptet in einem neuen Buch, den ultimativen Echtheitsbeweis für das umstrittene Turiner Grabtuch gefunden zu haben. Laut Barbara Frale finden sich auf dem Leinentuch, in das sich das Antlitz Jesu Christi bei dessen Auferstehung "eingebrannt" haben soll, winzig kleine Inschriften. Die Schriftzüge auf Griechisch, Latein und Aramäisch sollen dabei von nichts Geringerem als dem Totenschein eines "Iesous Nnazarennos" stammen. Metallhaltige Tinte sei vom Schriftstück auf das Leinentuch gesickert, behauptet Frale.

Die breite Masse der Archäologen hält das seit Jahrhunderten in katholischem Besitz befindliche Grabtuch für eine Fälschung. 1988 wurde es mit Hilfe der Radiokarbon-Methode auf das 13. oder 14. Jahrhundert datiert. Erst im Oktober verhöhnte ein italienischer Chemiker die Echtheitsverfechter mit seiner eigenen, täuschend echten Version des Grabtuches (siehe Infobox), für die er ausschließlich im Mittelalter verfügbare Mittel heranzog.

Schriftzeichen erstmals 1978 erwähnt
Barbara Frale will trotzdem entschlüsselt haben, was Jahrzehnte vor ihr eine Heerschar an Gutachtern übersehen haben soll. Denn die Schriftzeichen wurden schon 1978 entdeckt, damals aber als Beschädigung abgetan. Frale machte die mit freiem Auge kaum sichtbaren Schriftfragmente auf den aktuellsten HD-Fotografien des Tuches aus dem Jahr 2002 aus und setzte sie mithilfe von Sprach- und Schriftgelehrten in einer Puzzle-Arbeit zu einem Text zusammen, den sie als den "Totenschein" Jesu Christi bezeichnet.

Bei einer Todesstrafe sei es im römisch besetzten Palästina üblich gewesen, der eingewickelten Leiche ein Stück Pergament mit Name und Todesursache aufzukleben und sie vor der Übergabe an die Hinterbliebenen mindestens ein Jahr in einem Massengrab zu lagern, erklärt Frale der italienischen Zeitung "La Repubblica". Obwohl Jesus gemäß der Bibel in einem Felsengrab Josef von Arimatäas bestattet wurde, sei dies offenbar auch bei ihm gemacht worden. Die metallhaltige Tinte sei dann auf das Leintuch gesickert.

An verschiedenen Stellen im Kopfbereich des Grabtuches will Frale die Schriftzüge in Griechisch, Latein und Aramäisch entdeckt haben. Aus Fragmenten wie "(I)esou(s) Nnazarennos" setzte sie folgenden Text zusammen: "Im Jahr 16 der Regentschaft des Emperators Tiberius wird Jesus von Nazareth, vom Kreuz genommen am frühen Abend, nachdem er von einem römischen Richter zum Tode verurteilt worden war, weil ihn die hebräischen Richter für schuldig befanden, hiermit zur Bestattung übersandt, mit der Auflage, ihn erst nach einem vollen Jahr an seine Familie zu übergeben."

Text wäre im Mittelalter "höchste Gotteslästerung"
Laut Frale stimmt die Benützung dreier Sprachen mit historischen Überlieferungen überein. Dass die Schriftzeichen nicht auch Teil einer mittelalterlichen Fälschung sein könnten, erklärt die Wissenschaftlerin mit der Bezeichnung "Jesus von Nazareth". "Gottes Sohn Jesus Christus nur Jesus von Nazareth zu nennen, wäre im Mittelalter höchster Gotteslästerung gleichgekommen", so Frale.

Die Vatikan-Expertin, die in der Vergangenheit gewagte Verbindungen zwischen den Tempelrittern und dem Turiner Grabtuch hergestellt hat, sieht sich in der Causa trotz ihres katholischen Glaubens als Wissenschaftlerin. "Was ich entschlüsselt habe, bestätigt eine Todesstrafe gegen einen Mann Namens Jesus von Nazareth. Der Beweis dafür, dass dieser Mann auch Christus oder Sohn Gottes war, liegt außerhalb meines Forschungsgebietes."

Kritiker: "Einbildung und Computersoftware"
Widerstand gegen Frales Buch "La Sindone die Gesu Nazareno" kommt vom bekannten Bibelhistoriker Antonio Lombatti. "Die Leute arbeiten mit ein paar Fotos und glauben, darauf etwas zu erkennen. Das ist Einbildung und Computersoftware, sonst nichts", meinte der Kirchenforscher gegenüber der Associated Press. Er habe zwar schon von griechischen und aramäischen Schriften bei jüdischen Grabfunden gehört, jedoch noch nie von Latein. Außerdem bezweifelt Lombatti, dass den Hinterbliebenen eines Gekreuzigten dessen Leiche versprochen worden wäre, noch dazu schriftlich. "Man ließ die Gekreuzigen hängen, damit die Vögel ihre Überreste auffraßen. Die Hinterbliebenen sollten nicht einmal ein Grab haben, vor dem sie um ihren Verwandten weinen konnten", so Lombatti.

Im kommenden Frühjahr wird das Turiner Grabtuch erstmals seit dem Jahr 2000 wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Damals hatte Papst Johannes Paul II. die Ausstellung des bei einem Brand im 16. Jahrhundert arg in Mitleidenschaft geratenen Stoffstücks ermöglicht. Papst Benedikt XVI. wird im Frühjahr nach Turin reisen, um vor dem 4,36 mal 1,10 Meter großen Grabtuch zu beten.

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