Di, 25. September 2018

Wozu Viagra?

20.07.2016 12:00

Fiat 500X: Führt in die Irre, aber überallhin

Auch wenn die Werbung den Fiat 500X als durch eine Viagra-Pille über sich hinausgewachsenen Cinquecento darstellt - er ist weder ein Aufrissauto für alternde Vorstadt-Gigolos, noch ein vergrößerter Fiat 500. Und erst recht keine Offroad-Version des 500 L. Tatsächlich ist er ein durch und durch erwachsener bester Freund in allen Lebenslagen im erfolgversprechenden Kulleraugenkleid des italienischen Bestsellers, der auch abseits vielbefahrener Pfade weiterkommt.

Die Viagra-Metapher hat aber durchaus ihre Berechtigung, am Fiat 500X ist alles irgendwie mächtig. Er ist was für Leute, die gern was in der Hand haben. Angefangen beim dicken, sehr griffigen Lenkrad mit der rückseitig intelligent angebrachten Audiobedienung über die massiven Türgriffe außen und überhaupt bis hin zur Karosserie. Die Vordertüren sind so aufgeschwollen (im besten Sinn!), dass ich meine Hand auf der Wölbung ablegen kann statt auf der Fensterkante, wenn der Ellbogen draußenhängt.

Es fasst sich auch alles angenehm an, die Materialien erfreuen in Haptik und Optik, besonders die großen Drehregler für die Klimatisierung. Die ganze Bedienung ist durchdacht und ohne größere Eingewöhnung zu bewerkstelligen, auch über den gut zu erreichenden Touchscreen. Einzig der Blinkerhebel ist zu weit weg angebracht, außerdem betätige ich beim Blinken wegen seines nicht idealen Bedienwiderstandes manchmal versehentlich die Lichthupe. Dass man zum Betätigen des Scheibenwischers den Hebel drehen muss, ist ein wenig unpraktisch, geht aber als Schrulle durch.

Was man dem Fiat 500X in keiner Weise ansieht: Er ist technisch gesehen ein Jeep. Und zwar ein Jeep Renegade, der quasi das Baby in der Palette der Amis ist. Daher fährt sich das stylische Italo-SUV weder kleinwagenmäßig wie der 500er, noch schwammig wie der Fiat 500L, sondern im Vergleich absolut hervorragend. Straff und komfortabel die Federung, auch die Lenkung lässt an Exaktheit nicht zu wünschen übrig. Das Gefühl für die Straße ist absolut ausreichend, nur kritische Zeitgenossen werden den manchmal etwas synthetischen Lenkwiderstand bemängeln.

Vom Jeep hat der 500X auch seine echten Offroadtalente, die über den variablen Allradantrieb hinausgehen. Die Version Cross bietet das Antischlupfsystem Traction+, dessen automatische Momentverteilung dafür sorgt, dass durchdrehende Räder abgebremst und das Drehmoment auf das Rad mit der besseren Bodenhaftung gelenkt wird. Der Fahrer bekommt davon nichts mit.

Mit dem kraftvollen, aber nicht vibrationsfreien 140-PS-Diesel und Neungangautomatik (ja, arg, oder? Ein 500er mit Neungangautomatik!) bin ich flott unterwegs, ab 1750/min. stehen 350 Nm zur Verfügung. Der Sprint auf 100 km/h wird mit beachtlichen 9,8 Sekunden angegeben. Der Testverbrauch übersteigt mit 7,8 l/100 km die Normangabe (5,5 Liter) deutlich.

Nicht so ganz passt die Abstimmung der Automatik. Steht man leicht bergauf an der Ampel, mit dem Fuß auf der Bremse, versucht der Wagen ständig gegen den Widerstand anzufahren. Außerdem ruckelt es bisweilen beim Rangieren. Ansonsten macht das Getriebe das Leben aber angenehm. Wünschen würde ich mir noch einen Segelmodus.

Etwas zu gut meint es der Fiat 500X mit seinen Assistenten. Natürlich ist super, dass er aktiv die Spur hält und im Notfall selbst bremst, aber der Totwinkelwarner bekommt den Kassandra-Orden verliehen, weil er eigentlich immer und überall warnt, auch wenn es nichts zu warnen gibt. Lästigerweise blendet er für seinen Piepston auch noch die Musik aus. Hier wäre Feinschliff vonnöten, wie auch beim Tempomaten, der immer wieder spürbar nachregelt.

Mit 4,27 Länge hat der Fiat 500X VW-Golf-Format, dementsprechend haben auch die Platzverhältnisse nichts mit seinem Namens- und Design-Geber zu tun. Man sitzt gut im Italiener, sollte aber für die Rückbank nicht allzu groß gewachsen sein. Vorn steht massenhaft Stauraum zur Verfügung, von den großen Türfächern bis zum doppelten Handschuhfach.

Die "500" ist für Fiat eine absolute Erfolgsmarke. Mit dem Fiat 500X bleiben die Italiener ihrer Linie treu und melken die Kuh weiter. Hier ist das auch stimmiger als beim Fiat 500L, vom Design her ebenso wie in Sachen Fahreigenschaften. Der 500X sieht einfach so aus, wie er aussehen muss; da erinnert nichts an die Schwestermarke Jeep - anders als das noch vor gar nicht allzu langer Zeit bei den notdürftig umgestalteten und auf Lancia umgebrandeten Chrysler-Modellen war.

Was den Kaufpreis betrifft, kann man durchaus hoch greifen. So kostet der Testwagen über 36.000 Euro, top ausgestattet. Doch schon zum Basispreis von18.990 Euro für den Fronttriebler mit 110-PS-Benziner bekommt man ein Auto, das alles andere als nackt ist, Klimaanlage (auch fürs Handschuhfach), höhenverstellbarer Fahrer- und flachlegbarer Beifahrersitz oder auch Tempomat sind inklusive. Den Zweiliter-Diesel gibt es aber nur mit Allradantrieb und Offroad-Optik.

Natürlich ist der Fiat 500X nicht perfekt, aber das wäre auch zu viel verlangt. Und er macht alles mit Charme wett. Außer gegenüber seinen Namensbrüdern - über die fährt er beinhart drüber.

Warum?

  • Fährt sich deutlich besser als erwartet
  • Perfekt viagrisiertes 500er-Design

Warum nicht?

  • Perfektionisten werden sich hie und da am fehlenden Feinschliff stören.

Oder vielleicht …

… Mini Countryman, aber auch Opel Mokka, Renault Captur, Skoda Yeti …

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