So, 20. Jänner 2019

Fund in Budapest

11.11.2015 14:08

6300 Formulare zu Holocaust in Wohnung entdeckt

Gleich neben dem Budapester Parlament, am Kossuth-Platz 13-15, haben Inhaber einer Wohnung im vierten Stock bei Renovierungsarbeiten einen ungewöhnlichen Fund gemacht. Nach Untersuchung eines Risses in der Wand entdeckte das Ehepaar Berdefy in einem Hohlraum Tausende von Dokumenten. Nach ihrer Bergung zählte man rund 6300 Formulare, die 1944 zur Registrierung der Budapester Juden dienten.

Rund 600.000 ungarische Juden wurden während des Holocausts getötet. Die meisten von ihnen wurden von den Nazis ab 1944 mithilfe der ungarischen Polizei nach Auschwitz deportiert. Der nunmehr gemachte Fund beleuchtet das tragische Schicksal vieler, die ermordet wurden. "Es sind Dokumente von historischer Bedeutung. Sie lassen auf wichtige demografische und Eigentümerdaten schließen", sagte der Generaldirektor des Budapester Stadtarchivs, Istvan Kenyeres.

Laut Kenyeres kann anhand dieser wichtigen zeitgeschichtlichen Dokumente nachgewiesen werden, wie viele Budapester Juden 1944 erfasst und in mit dem Davidstern gebrandmarkte Häuser umgesiedelt wurden. Von hier sollte die Deportation vorbereitet werden. Denn im Sommer 1944 war die Deportation ungarischer Juden in der Provinz nahezu abgeschlossen, sagte der Generaldirektor.

Es könnte noch mehr Dokumente geben
Die 6300 Formulare seien ein wichtiger Fund für die Wissenschaft, beziehen sich jedoch nur auf die Budapester Stadtbezirke XI., XII, XIII. und XIV. Es gibt bisher keinerlei Hinweise, wo sich weitere verschollene Dokumente - von denen es noch mindestens dreimal so viel geben könnte - befinden.

Wie diese Dokumente vor über 70 Jahren hinter die Wand einer Wohnung des Hauses am Kossuth-Platz gelangten, darüber gibt es nur Spekulationen, sagte der Generaldirektor. Ebenso darüber, wer sie vor ihrer Vernichtung bewahren wollte. Das Stadtarchiv erforschte inzwischen die Geschichte des eleganten Hauses nahe dem Parlamentsgebäude. Hier soll 1944 ein Regierungsausschuss für Wohnungswesen gearbeitet haben, der die nun entdeckten Formulare für seine Tätigkeit benötigt haben könnte.

Formulare dienten der Registrierung von Juden
Die eingemauerten Formulare gehörten zu einer Aktion der Budapest Stadtverwaltung. Diese ordnete am 30. Mai 1944 die Registrierung aller Budapester Einwohner an, gesondert die der Christen und Juden. Die Dokumente wurden an alle Haus- und Wohnungseigentümer versandt und mussten innerhalb von 24 Stunden ausgefüllt werden, erklärt der Historiker. Erfragt wurden Namen der Eigentümer, der Mieter, die Höhe der Mieten, ausgewiesen die Zahl der Christen und Juden. Am 21. Juni 1944 mussten die jüdischen Einwohner von Budapest ihre Wohnungen und Häuser verlassen. Von der Umsiedlung betroffen waren rund 220.000 unter die Judengesetze fallende Ungarn, die in Zwangsunterkünfte umziehen mussten.

Offen bleibt die tragische Frage, warum sich Juden bei der Volkszählung nicht als Christen ausgaben und damit den Zwangsumzug in Häuser mit dem gelben Davidstern umgehen konnten. Laut Kenyeres könnte den Menschen beim Ausfüllen der Formulare möglicherweise die volle Tragweite dessen nicht bewusst gewesen sein.

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