Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach tagelangem Druck von Demonstranten Armeechef Olexander Syrskyj entlassen. Syrskyjs Nachfolger als Oberbefehlshaber stehe schon fest, teilte Selenskyj am Dienstagabend auf Telegram mit.
Selenskyj hatte zunächst trotz Kritik an seinem seit 2024 eingesetzten Oberkommandierenden Syrskyj festgehalten, nachdem er vorige Woche den populären Politiker Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister entlassen hatte. Der erst 35 Jahre alte Fedorow hatte danach seinen Konflikt mit dem noch zu Sowjetzeiten ausgebildeten Syrskyj öffentlich gemacht.
In den Konflikt ging es maßgeblich um einen Richtungsstreit in der Kriegsführung. Fedorow stand vor allem für die auch im Westen gelobten Einsätze ukrainischer Drohnen gegen russische Ziele. Er galt auch als Reformer. In seiner Abendansprache erklärte Selenskyj, er habe Fedorow einen „angemessenen Posten“ angeboten, um den technologischen Bereich des Staates zu leiten.
Die Entlassung Fedorows war nach Ansicht des österreichischen Militärexperten Gustav Gressel „ein Schuss ins eigene Knie“. Eine „Rekordsumme an finanziellen Zusagen der internationalen Partner und an Verträgen für die verteidigungsindustrielle Kooperation zwischen der Ukraine und westlichen Unternehmen“ seien Fedorow „zu einem sehr großen Teil zu verdanken“, sagte Gressel zur APA.
Syrskyj dagegen sei zwar „ein guter Taktiker“ gewesen, allerdings habe der Armeechef auch „schwer nachvollziehbare Entscheidungen“ getroffen, erklärte Gressel. So habe etwa er zu lange an der ostukrainischen Stadt Bachmut festgehalten. Ebenso seien die Städte wie Pokrowsk, Awdijiwka und Wuledar „ewig gehalten“ worden. Auch die Kursk-Offensive sei schlussendlich „eine Kräfteverschwendung“ gewesen, betonte der Experte der Landesverteidigungsakademie in Wien.
Selenskyj: Gespräche seit Tagen
Ausdrücklich dankte Selenskyj dem scheidenden General und würdigte seine militärischen Verdienste. Der Präsident hatte angesichts fortdauernder Proteste gegen die Entlassung von Fedorow seit Tagen Gespräche mit Militärs geführt, wie er auf der Plattform X mitteilte. Schon am Samstag hatte er in seiner täglichen Videoansprache angesichts der Straßenproteste gesagt, dass er darauf höre, was die Leute sagen. Er habe auch lange mit Fedorow und Syrskyj gesprochen, sagte er. Am Dienstagabend folgte nach Angaben von Selenskyjs Sprecher Dmytro Lytwyn ein weiteres Gespräch mit Fedorow. Zu dessen neuer Rolle gab es zunächst keine Angaben.
Demonstranten forderten Syrskyj-Entlassung
Sechs Tage in Folge demonstrierten in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und anderen Städten mehrere Tausend vor allem junge Menschen gegen Fedorows Entlassung. Die Demonstranten forderten seine Wiedereinsetzung. Hauptforderung war dabei aber eine Ablösung von Armeechef Syrskyj. Aus Militärkreisen gab es zugleich auch offene Unterstützung für Syrskyj.
Fedorows Posten als Verteidigungsminister hat am Freitag geschäftsführend der Geheimdienstler Jewhenij Chmara übernommen. Selenskyj muss Chmaras Kandidatur jedoch noch im Parlament einreichen und ihn von den Abgeordneten bestätigen lassen.
Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion. Syrskyj war seit Februar 2024 Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Der aus Russland stammende 60-jährige Berufsmilitär hat sich vor allem bei der Verteidigung von Kiew und der erfolgreichen Gegenoffensive im Raum Charkiw 2022 verdient gemacht.
Fedorow hatte das Verteidigungsministerium seit Jänner geleitet. Davor stand er an der Spitze des 2019 geschaffenen Digitalisierungsministeriums.
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