Mi, 18. Juli 2018

Emotionüchtern?

04.07.2015 09:56

Audi TT: Emotionssuche im Diesel-Roadster

Audis haben immer irgendwie etwas Unterkühltes, Nüchternes an sich und strahlen technische Präzision aus. Vordergründige Emotionalität verbreitet daher nicht einmal der neue offene TT, obwohl er als Roadster eigentlich dafür prädestiniert wäre. Emotionssuche.

Diese Art der Ausstrahlung ist es wohl auch, wegen der es mich nicht stört, dass mein Testwagen von einem Dieselmotor angetrieben wird, was mir in einem Cabrio sonst grundsätzlich widerstrebt. Vielleicht hängt es auch mit der tiefen, cocooningartigen Sitzposition zusammen, die mich mehr eins mit dem Auto werden lässt, als dass ich mit der Umwelt verschmelze.

Die Emotion überrollt mich bei der ersten Landstraßenausfahrt, Kurven durch Wälder, Kurven über Wiesen, schnelle Kurven. Steht da plötzlich 1X0 km/h auf dem Tacho? Man darf es nicht sagen, aber man bekommt die Geschwindigkeit nicht mit, selbst bei offenem Verdeck, und selbst wenn das elektrisch ausfahrbare Windschott eingezogen bleibt. Das Fahrwerk hält den TT so präzise auf der Straße, die Lenkung ist so direkt (fast nervös), dass ich immer mehr will. Vielleicht ist es das Fehlen eines röhrenden Auspuffs, die Abwesenheit von stürmischer Windbewegung im Innenraum, die mich immer mehr Gas geben lässt, auf der Suche nach Emotion. Und dann ist sie plötzlich da, induziert von der Geschwindigkeit. Wie gut, dass diese von keinem Ordnungshüter gemessen wird, der Gefühlsballon würde sich schlagartig in Unrechtsbewusstsein entladen. Und zu mehrwöchiger Extraarbeit für die Beine führen.

Ich surfe auf der Drehmomentwelle von 380 Nm, die der 184 PS starke Zweiliter-TDI ab 1.750/min. aufbaut. Nur beim Anfahren stört die deutliche Stufe, die dann die Vorderräder durchdrehen lässt, wenn man es mit dem Gasgeben nicht derwarten kann. Richtig dosiert schafft der TT den 100er-Sprint in 7,3 Sekunden, Spitze 237 km/h. Der Schalthebel gleitet derart geschmeidig durch das knackige Sechsganggetriebe, dass ich froh bin, keine Automatik zu haben. Einen echten Handbremshebel gibt es hier nicht, das wäre wohl zu emotional, obwohl die optionalen Dekoreinlagen in "Aluminium Driftsilber" gehalten sind.

Einzigartiges Bedienkonzept
Wie schön nüchterne Perfektion sein kann, zeigt der Innenraum. Herrliche, runde Lüftungsdüsen, in deren Mitte sich die Bedienknöpfe für Heizung/Lüftung befinden. Alles sehr reduziert, kaum Knöpfe, aber trotzdem keiner dieser ebenso modernen wie meiner Ansicht nach unsinnigen Touchscreens. Nein, überhaupt kein Screen in der Mittelkonsole. Stattdessen hat der TT ein revolutionäres digitales Armaturenbrett, das alles bis hin zur riesigen Navikarte darstellt. Per Knopfdruck am Lenkrad wird flugs die Darstellung geändert, je nachdem, ob Tacho/Drehzahlmesser in üblicher Größe oder verkleinert, zugunsten anderer Infos, angezeigt werden sollen. Das Display leuchtet im TT Roadster übrigens doppelt so hell wie im TT Coupé, damit es bei offenem Verdeck gegen die Sonneneinstrahlung ankommt.

Bedient wird alles über einen Drehdrücksteller, dessen Oberfläche nun wie bei BMW ein Touchpad ist, auf das man mit dem Finger Buchstaben und Zahlen schreiben kann (früher war das Pad bei Audi unpraktischerweise daneben).

Nachteil des Konzepts: Die Beifahrerin hat keine Möglichkeit einzugreifen, kann also nicht einmal ein Reiseziel ins Navigationssystem eingeben. Grundsätzlich ist der Audi TT Roadster aber ideal für zwei. Nicht nur wegen der zwei hervorragenden Sitze, sondern auch wegen des Zu-zweit-reisetauglichen Kofferraums, der 280 Liter fasst und optional sogar eine Durchlademöglichkeit mit Skisack hat.

Wesentlich zur großen Freiheit und dem ebensolchen Vergnügen trägt das Verdeck bei, das sich elektrisch in zehn Sekunden öffnet bzw. schließt, und das sogar bis Tempo 50. Dank opulenter Fütterung hält es den Innenraum im geschlossenen Zustand sehr leise, sodass auch längere Fahrten bei hohem Tempo stressfrei absolviert werden können. Dennoch ist die ganze Konstruktion relativ leicht, der ganze Roadster wiegt ohne Fahrer nur 1.360 kg.

Auch den TT abzustellen und im Weggehen zu betrachten, ist ein gutes Gefühl, denn er ist bildschön. Vielleicht ist der Kühlergrill etwas zu groß geraten, aber den verdeckt das Kennzeichen wie eine vorgehaltene Hand.

Ab gut 46.000 Euro ist der Audi TT Roadster Diesel zu haben, der Testwagen kommt mit MMI-Navi, 18- statt 17-Zoll-Alus, Leder, Klimaautomatik (Serie ist manuell) usw. auf über 55.000 Euro, Schmankerl wie Nackenheizung oder LED-Matrix-Scheinwerfer würden den Preis noch weiter pushen.

Unterm Strich
Der Audi TT ist ein stil- und gewissenssicherer Freudenspender. Er fährt höchst sportlich, ohne durch übertriebene Härte zu nerven, und bleibt dabei sehr sparsam. Bei Testende standen 6,8 l/100 km auf der Anzeige, das lässt sich aber problemlos unterbieten, wenn man es eine Spur ruhiger angehen lässt als ich in meinem gar nicht mehr so jugendlichen Übermut.

Es geht natürlich auch etwas unvernünftiger. Mit Allradantrieb und 310-PS-Benziner wird der TT als S vollends zur Fahrmaschine auf Porsche-Kurs. Und was die Emotionen betrifft: Wie wär's mit der Wortkreation "emotionüchtern" für den Audi TT?

Warum?

  • Sparsam im Verbrauch, verschwenderisch im Spaß

Warum nicht?

  • Diesel und Frontantrieb sind die klassischen Argumente gegen einen Roadster.

Oder vielleicht …

… Mercedes SLK, Porsche Boxster oder so gesehen dann gleich eine der beiden TT-Benzin-Versionen (230 oder 310 PS)

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