Autor Robert Schneider war bei einem seiner Nachbarn zu Gast. Dort genoss er einen ganz besonderen Ausblick. Aber nur für kurze Zeit. Darum denkt er nun über eine Neuanschaffung nach.
Der Kurt, mein Nachbar, hat sich ein Fernrohr gekauft. Aber nicht irgendeins. Schon so eins! Fünftausend Kröten hat es gekostet. Seine Frau wollte wieder mal sofort die Scheidung. Das Fernrohr, das „dank 85-mm Objektiv und Schrägeinblick für stundenlanges bequemes Beobachten geeignet ist“, wie mir Kurt sachkundig erzählte, hat er auf die Hohe Kugel gerichtet. Nur auf sie. Am Fensterbrett mit vier Sechskantschrauben für alle Ewigkeit befestigt, die Schärfe aufs My genau eingestellt.
Er hat mich ausnahmsweise in das Teleskop reinschauen lassen. Aber nur kurz. Er befürchtete, dass ich es mit meinen dicken Fingern berühre, denn beim leisesten Antippen fängt die Landschaft an zu tanzen. Zuerst aber musste ich die Schuhe ausziehen, meine Schritte sacht abrollen und beim Hineingucken die Luft anhalten. Wahnsinn. Man kann den Wanderern, die verschwitzt beim Gipfelkreuz ankommen, direkt in die unzufriedenen Gesichter schauen. Vorausgesetzt, die Kugel liegt nicht im Hochnebel, was sie gegenwärtig tut. Bei klarer Herbstsicht könne er die Leute erkennen, behauptet Kurt. Etwa den Roland, der seit dreißig Jahren jeden Tag, ob Sonne, Regen oder Schnee, auf die Kugel keucht, schnell das Leiberl wechselt, nicht einmal ins Tal schaut, sondern sofort Richtung Hoher Freschen weiterrennt. „Irgendwann fällt er tot beim Gipfelkreuz um, und ich werde Zeuge sein“, sagt Kurt hämisch.
Warum er nur auf die Kugel schaue, frage ich. Weil er so die Menschen am gründlichsten studieren könne. Noch nie habe er so viel über einen Charakter erfahren wie mit diesem Fernrohr. Einfach dasitzen und stumm zuschauen …Ich habe mich neulich dabei ertappt, wie ich „Teleskope“ gegoogelt habe.
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