„Krone“-Kolumnist Robert Schneider hat als Kind Allerheiligen und Allerseelen geliebt. Vielleicht sollten wir gerade das Gedenken an die Toten zum Anlass nehmen, das Leben nicht ganz so ernst zu sehen.
An Allerseelen auf die Gräber zu gehen, war für mich als Kind ein Mordsspaß. Ich mochte die Atmosphäre, wenn der Pfarrer mit schwarzem Weihrauchmantel den kleinen Bergfriedhof betrat und wie jedes Jahr die Lebenden ermahnte, doch die „teuren Toten“ nicht zu vergessen. Flankiert wurde er von zwei pickelgesichtigen Ministranten, von denen der eine, weil er stolperte, das gesamte Weihrauchschiffchen verschüttete und der andere das Fass so heftig schwenkte, dass man selbst im Freien kaum mehr Luft zum Atmen bekam. Wenn dann noch der Nebel vom Tal herauf in den Friedhof schwappte, war die Inszenierung perfekt.
Schon als Kind begriff ich, dass es mit den betrübten Mienen des Kirchenvolks, diesen geheuchelt ernsten Gesichtern, nicht weit her war. Eigentlich war man auf den Friedhof zu kommen, um über den Grabschmuck der anderen Gräber zu lästern und überhaupt zu schauen, wer den „teuren Toten“ gedachte und wer – typisch! – nicht erschienen war.
Stramm zur Sache ging es, wenn der Gefallenen der Weltkriege gedacht wurde und die Recken, die überlebt hatten, ihre Hüte lupften. Das taten sie, sobald der Vorsänger „Ich hatt’ einen Kameraden“ anstimmte. Mir gefiel die Gedichtzeile am besten: „Eine Kugel kam geflogen / Gilt sie mir oder gilt sie dir?“ So konnte natürlich nur ein dummes, unwissendes Kind empfinden, das keinen Krieg kannte.
Allerseelen war schon vom Feinsten. Und nach dem Friedhofsgang Ovomaltine und Kuchen daheim. Mit Tanten und Onkeln, die mich über mein Fortkommen in der Schule ausfragten. Am liebsten mochte ich den Onkel Engelbert, ein Griesgram, wie er im Buche steht. Der sagte einmal zu mir: „Schau, das Totsein ist genauso mühsam wie das Leben. Also mache dir keine Hoffnungen.“
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