Was hat er vor?
Chinas geheimer Raumgleiter wagte sich aus Deckung
Ein geheimnisvolles Fluggerät, das monatelang im All bleiben und sich anderen Satelliten nähern kann - China arbeitet offenbar an einer Technologie, die auch militärisch brisant sein könnte. Nun ist erstmals eine hochauflösende Aufnahme des streng geheim gehaltenen Raumgleiters aufgetaucht. Besonders ein Detail auf dem Bild sorgt für Aufmerksamkeit.
Der US-Militärgeheimdienst Defense Intelligence Agency (DIA) hat in einem aktuellen Bericht erstmals ein hochauflösendes Satellitenfoto des chinesischen Raumgleiters veröffentlicht. Darauf ist das bislang namenlose Raumfahrzeug mit einem weiteren Objekt im Bereich seines Hecks zu sehen. Nach Angaben des Satellitenunternehmens Vantor, das früher unter dem Namen Maxar Technologies firmierte, handelt es sich dabei um einen angedockten Begleitsatelliten.
Auf der Aufnahme seien dessen Struktur und Solarpaneele erkennbar. Auch die geöffneten Luken des Laderaums des Raumgleiters seien zu sehen. Das Foto wurde bereits am 28. Mai 2024 aus einer Entfernung von knapp 90 Kilometern aufgenommen. Das bestätigte Vantor gegenüber dem US-Onlineportal „TWZ“.
Geheime Manöver im Erdorbit
Dass China an einem wiederverwendbaren Raumfahrzeug arbeitet, ist bereits seit einigen Jahren bekannt. Im September 2020 hatte Peking den Start eines „wiederverwendbaren experimentellen Raumfahrzeugs“ mit einer Rakete des Typs „Langer Marsch 2F“ bekannt gegeben. Technische Details, Fotos oder Angaben zu Größe, Gewicht und Konstruktion blieben allerdings unter Verschluss.
Offiziell bestätigt sind mittlerweile vier Testflüge. Der erste dauerte im Jahr 2020 rund zwei Tage. Beim zweiten Flug, der im August 2022 begann, blieb das Fahrzeug ganze 276 Tage in einer Erdumlaufbahn. Dabei sollten unter anderem die Wiederverwendbarkeit und Technologien für Dienstleistungen im Orbit erprobt werden. Weitere Starts erfolgten im Dezember 2023 und im Februar 2026.
Besonders interessant sind Beobachtungen aus dem November 2022. Laut dem US-Geheimdienstbericht führte der chinesische Raumgleiter damals gemeinsam mit einem Begleitsatelliten Manöver durch. Zeitweise kamen sich die beiden Objekte auf weniger als 100 Meter nahe. Möglicherweise wurde dabei ein sogenanntes Rendezvous erprobt - also das gezielte Annähern zweier Raumfahrzeuge im Weltraum.
Auch während seiner dritten Mission im Mai 2024 soll der Raumgleiter ein Objekt abgesetzt und anschließend mit diesem interagiert haben.
Ähnelt US-Raumgleiter X-37B
Optisch erinnert das chinesische Fluggerät stark an den amerikanischen Raumgleiter X-37B der US Space Force. Beide verfügen über Flügel, einen Laderaum und ein Hitzeschild. Der chinesische Gleiter besitzt zudem ein am Heck angebrachtes Servicemodul mit Solarpaneelen zur Energieversorgung. Wie sein US-Pendant wird er mit einer herkömmlichen Rakete ins All gebracht, bewegt sich dort eigenständig und kann am Ende seiner Mission autonom auf einer Landebahn landen. Anschließend kann er für einen weiteren Flug aufbereitet werden.
Die USA betreiben ihr X-37B-Programm bereits seit Jahren. Seit 2010 wurden acht Missionen durchgeführt. Die längste davon dauerte rund zweieinhalb Jahre. Auch bei diesem Programm bleiben viele Aktivitäten im All geheim.
Satelliten einfangen und wieder aussetzen?
Wie die US-Fachzeitschrift „Wired“ berichtet, gibt es mittlerweile Hinweise auf weitere Fähigkeiten des chinesischen Raumgleiters. Aus öffentlich zugänglichen Daten zur Beobachtung von Flugbahnen geht demnach hervor, dass das derzeit im All befindliche Fahrzeug im Juni einen kleineren Satelliten ausgesetzt und ihn im Juli wieder eingefangen haben soll. Im August und September habe sich dieser Vorgang wiederholt. Möglicherweise kommt dabei ein Roboterarm zum Einsatz.
Auch der offizielle Name des chinesischen Raumgleiters ist nicht eindeutig geklärt. In westlichen Medien wird das Fluggerät häufig „Shenlong“ genannt. China selbst bezeichnet es in staatlichen Medien lediglich als „wiederverwendbares experimentelles Raumfahrzeug“.
Nach Angaben des US-Geheimdienstes arbeitet China an zwei entsprechenden Projekten namens „Shenlong“ und „Tengyun“. Welches der beiden Systeme auf der veröffentlichten Aufnahme zu sehen ist, geht aus dem Bericht allerdings nicht hervor.
Auch militärisch von Bedeutung
Die Technologie könnte weit über zivile Forschungszwecke hinaus Bedeutung haben. Raumgleiter können ihre Umlaufbahn verändern, sich anderen Satelliten nähern und Objekte im Weltraum aussetzen oder aufnehmen. Das macht sie grundsätzlich auch für militärische Aufgaben interessant - etwa zur Inspektion gegnerischer Satelliten oder im Zusammenhang mit möglichen Angriffen auf Spionage- und Überwachungssysteme.
Der aktuelle DIA-Bericht beschäftigt sich auch mit Chinas weitergehenden militärischen Ambitionen im Weltraum. Demnach stuft das chinesische Militär sogenannte gerichtete Energiewaffen als besonders geeignete Systeme für den Einsatz gegen Satelliten ein. Dazu zählen etwa Laser, mit denen Sensoren gegnerischer Satelliten geblendet oder diese anderweitig beeinträchtigt werden könnten.
Die DIA hält es für möglich, dass China noch gegen Ende der 2020er-Jahre weltraumgestützte Energiewaffensysteme und leistungsstärkere bodengestützte Anlagen einsetzen könnte, die auch Satelliten in höheren Umlaufbahnen bedrohen. Dass der Raumgleiter selbst mit solchen Waffen ausgestattet ist, geht aus dem Bericht allerdings nicht hervor.

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