Nachruf

Reimo Wukounig: Aus Asche und heißen Tränen

Kärnten
22.10.2026 13:15

Mittwoch ist Reimo Wukounig mit 83 Jahren nach langer, schwerer Krankheit verstorben. Sein Schaffen erhob sich aus erlittenem Missbrauch – Kunst war ihm Pfad der Erlösung.

Am Anfang steht die Qual, die Erniedrigung, die Furcht des Zöglings Nummer 33 vor der Entblößung, vor dem Ausgeliefertsein, vor der Gewalt. Eine zerbrochene Kindheit im Landesjugendheim Görtschach und zuvor in der Erziehungsanstalt Harbach-Limmersach, wo der Kinderarzt und systematische Knabenschänder Franz Wurst wütet – die Hölle auf Erden, in der Reimo Wukounig als eines von mehr als 500 Missbrauchsopfern brennt. Kärntens Elite breitet darüber im vollen Wissen ihr Schweigen.

Kind, das er war ... Aus der Serie „Der bedrohte Zögling“.
Kind, das er war ... Aus der Serie „Der bedrohte Zögling“.(Bild: Reimo Wukounig)

Vergessen wird Wukounig das Durchlittene nie, das tiefe Spuren hinterlässt. Die Körperlichen sind ihm verheilt. Die Seelischen bleiben verschorfte Wunden, die immer wieder aufbrechen – die Tränen und der Aufschrei, Wut, Angst und Ohnmacht, die daraus sickern – sie sind Farbe, Pinsel, Leinwand und Inhaltsträger, aus der er im „stolpern und arbeiten nahe an der eigenen Biografie“ eines der beeindruckendsten Œuvres der österreichischen Nachkriegskunst schält.

Vita Reimo Wukounig (1943 – 2026)

  • Geboren 1943 in Klagenfurt, wächst in St. Kanzian am Klopeiner See auf.
  • 1962 – 1967: Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien.
  • 1974 – 1979: Assistent an der Wiener Angewandten.
  • Seit den 1970ern: Zeichnerisch bildhaftes Gestalten, konzeptuelle Rauminstallationen, Sprachgebilde.
  • Ab 1974 Teilnahme an Kunstprojekten, Biennalen, Ausstellungen und Kunstmessen im In- und Ausland, unterrichtete an der Höheren Grafischen Bundeslehr- und Versuchsanstalt in Wien, wo er lebte.
  • 2023: Großes Kärntner Ehrenzeichen. 

Egal ob mit Objekt-Collagen, oder Relief-Assemblagen aus Versatzstücken wie Krokodilhäute, Waffen, Instrumente, Kämme und Masken, einerlei ob in nervösen Zeichnungen oder der archaischen Poetik der Glockenform: Alles in Wukounigs eindringlichem Schaffen ist Fundstücke eines entrindeten und gebleichten Dämonenträgers, der bei seiner wundfarbigen Suche nach Erlösung immer wieder durch Asche und heiße Tränen geht und sich aus dem Archiv seiner Qualen bedient. Um Tod und Auferstehung, Schmerz und Läuterung, Anklage und Heilung, Metamorphose und Transzendenz (auch) mit christlich-religiösem Impetus ans Kreuz zu nageln und im Bannkreis des Selbst festzuschreiben.

Köpfe, die (s)ein Leben in weiten Schmerzräumen zur Essenz des Seins verdichteten. 
Köpfe, die (s)ein Leben in weiten Schmerzräumen zur Essenz des Seins verdichteten. (Bild: Tina Perisutti)

So offenbart sich ein Leben voll des Hinterfragens und Infragestellens, dessen Kreuzweg die Vergangenheit und dessen Rettung die Kunst war. Und im Echoraum des Fühlens begegnet man einem geflügelten Schamanen, der aus brennender Unruhe Bannformeln schneidet und Inseln der Helligkeit generiert.

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