Markus Ebner alias Average und Alexander Pressl alias Kayo veröffentlichen mit „Krone richten“ ihr erstes gemeinsames Album. Im „Krone“-Interview sprechen sie über Mundart-Rap, ihre Zusammenarbeit, die Linzer Hip-Hop-Szene, RAF Camora und Chakuza, den Amadeus und darüber, was sich im österreichischen Rap verändert hat.
Wer Markus Ebner und Alexander Pressl zum ersten Mal gegenübersitzt, würde wohl nicht sofort vermuten, dass sich hinter diesen beiden Namen Average und Kayo verbergen. Keine großen Rapper-Posen, kein auffälliges Gehabe – die beiden wirken angenehm bodenständig. Dabei sind sie seit Jahren feste Größen der österreichischen Hip-Hop-Szene: Average machte sich mit Mixtapes, EPs und zahlreichen Kollaborationen einen Namen, Kayo prägt den heimischen Mundart-Rap bereits seit den 1990er-Jahren entscheidend mit. Nun bündeln die beiden ihre Kräfte erstmals auf einem gemeinsamen Album.
„Krone“: Ihr habt schon oft miteinander gearbeitet – warum war ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt für euer erstes gemeinsames Album?
Average: Ja. Wir haben zwar schon viele gemeinsame Singles gemacht und im Rahmen der TTR Allstars auch zwei Alben miteinander veröffentlicht. Aber „Krone richten“ ist tatsächlich unser erstes Album nur zu zweit.
Warum hat es dann so lange gedauert, bis ihr ein gemeinsames Album gemacht habt?
Kayo: Alben haben heute nicht mehr denselben Stellenwert wie früher. Es sind Mammutprojekte, die wahnsinnig viel Energie brauchen. Da muss einfach alles zusammenpassen: die Motivation, das Umfeld und die richtigen Leute. Der Fokus liegt heute viel stärker auf Singles. Wir haben zwar immer wieder gesagt: „Lass uns einmal gemeinsam eine EP machen.“ Aber jetzt war einfach der richtige Zeitpunkt da. Und am Ende ist daraus sogar ein ganzes Album geworden. Darüber freuen wir uns extrem, weil das, was wir gemeinsam machen können, auf Albumlänge sehr gut funktioniert.
Warum heißt das Album „Krone richten“?
Average: Der Vorschlag ist von Kayo gekommen, basiert aber auf einer Zeile von mir im Titeltrack: „Manchmal kommen Rückschläge, dann heißt es Krone richten.“ Ich finde, das beschreibt auch ganz gut, wie die österreichische Hip-Hop-Szene funktioniert. Es gibt viele Rückschläge, aber man macht trotzdem weiter.
Kayo: Und das lässt sich auch aufs Leben generell übertragen. Wir leben in einer Zeit mit vielen Krisen. Deshalb fanden wir den Gedanken schön, zu sagen: Kopf hoch, weitermachen. Diesem Thema widmen sich auch mehrere Songs auf dem Album.
Was ist denn das besondere an diesem Album?
Average: Für mich ist es die Vielseitigkeit. Wir haben ein sehr abwechslungsreiches Soundbild und können unsere unterschiedlichen Stärken auf den 13 Songs gut bündeln. Auf der einen Seite stehen lyrische und raptechnische Raffinesse, auf der anderen das Gespür für eingängige Melodien und Sounds.
Kayo: Und dazu kommt die unglaubliche Anzahl an Menschen, die auf diesem Album zusammenkommt. Von etablierten Künstlern bis zu sehr talentierten Newcomern ist alles dabei. Ich glaube, man kann mit diesem Album ziemlich tief in die Seele des österreichischen Mundart-Raps blicken.
Ihr arbeitet ja schon länger zusammen, was genau funktioniert denn musikalisch besonders gut zwischen euch – und wo seid ihr unterschiedlich?
Average: Uns verbindet die Offenheit gegenüber anderen Genres und Einflüssen.
Kayo: Unser gemeinsamer Nenner ist sicher die Kombination aus eingängigen Melodien und anspruchsvollem Rap. Wenn man auf unsere bisherigen Projekte schaut, sieht man schon, dass wir musikalisch teilweise sehr unterschiedliche Wege gegangen sind. Average hat etwa auch Hochdeutsch-Projekte und experimentellere Sachen gemacht, ich wiederum Projekte, die sich teilweise sehr weit vom klassischen Rap entfernt haben. Bei diesem Album haben wir uns irgendwo in der Mitte getroffen. Im Moment gibt es jedenfalls deutlich mehr, was uns eint, als uns trennt
Kayo, du bist schon seit den 1990er-Jahren Teil der österreichischen Rap-Szene. Wie hat sich Mundart-Rap seit damals verändert?
Damals gab es Mundart-Rap in dieser Form eigentlich noch kaum (lacht). Es gab vereinzelte Songs, aber 2005 haben wir dann eines der ersten Rap-Alben komplett auf Mundart gemacht. Seitdem sind natürlich mehrere Generationen nachgekommen. Heute liegt der Fokus bei vielen jungen Leuten stärker auf Hochdeutsch. Mundart war in unserer Jugend im Alltag noch präsenter. Deshalb war vielleicht auch der Nährboden für Mundart-Rap damals ein anderer.
Average: Ich bin mir gar nicht sicher, ob es nur daran liegt. Mundartmusik funktioniert abseits von Rap schließlich sehr gut und findet teilweise sogar bis Hamburg, Berlin oder darüber hinaus Anklang. Ich glaube eher, dass Mundart-Rap sich einfach extrem schwertut momentan und einfach eine kleine Nische ist.
Auf dem Album sind unter anderem Texta, Kreiml & Samurai und Dicht & Ergreifend vertreten. War wirklich von Anfang an geplant, daraus ein großes Szeneprojekt zu machen?
Average: Angefangen hat alles mit einem einzigen Refrain. Diese Skizze lag jahrelang herum, bis wir im vergangenen Jahr gesagt haben: Jetzt müssen wir das fertig machen. Daraus entstand die Idee, Songs mit verschiedenen Rap-Duos aufzunehmen. Am Ende haben wir tatsächlich all diese Duos aufs Album bekommen. Ich glaube, dass das Who-is-who der Mundart-Szene noch nie in dieser Form auf einem Projekt vereint war. Das macht das Album schon sehr besonders.
Average, du gehörst einer jüngeren Rap-Generation an als Kayo. Konntest du dir von ihm musikalisch eigentlich etwas abschauen?
Auf jeden Fall. Ich gehöre zwar selbst nicht mehr zur jüngsten Generation, aber wahrscheinlich zu der nach Kayo. Wir haben damals zu Leuten wie ihm aufgeschaut. Für uns waren das die Kings in Österreich, die den Mundart-Rap entscheidend mitgeprägt haben. Im Rap ist es generell wichtig, in beide Richtungen zu schauen. Von Älteren kann man Erfahrung und Wissen mitnehmen, von Jüngeren etwa Hunger oder Social-Media-Skills. Kayo war für sehr viele Künstlerinnen und Künstler eine Ikone und ein Vorbild
Kayo, was geht dir durch den Kopf, wenn du so etwas hörst?
Das ist irgendwie der Lauf der Dinge. Ich mache das jetzt schon mehr als mein halbes Leben und freue mich natürlich, wenn das Früchte getragen und andere inspiriert hat. Genau das sind für mich die schönsten Erfahrungen als Musiker. Das ist das, was bleibt und verbindet. Ich bilde mir darauf aber nichts ein. Nach mir sind längst mehrere Generationen gekommen. Umso schöner ist es, dass ich in gewissen Kreisen noch immer Relevanz habe und vor allem noch immer das Feuer spüre, neue Musik zu machen.
Der Rapper Chakuza kommt ja ebenfalls aus Linz und ist damals nach Deutschland gegangen. Habt ihr je selbst mit dem Gedanken gespielt, diesen Weg zu gehen?
Average: Ich habe schon darüber nachgedacht, aber nie wirklich ernsthaft geplant, nach Berlin zu gehen. Bei Leuten wie RAF Camora, Chakuza oder DJ Stickle hat sich dieser Schritt definitiv ausgezahlt. Aber dafür braucht man die absolute Überzeugung, alles auf eine Karte zu setzen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich dafür einfach nicht der Typ bin. Aber ich habe großen Respekt vor den Karrieren – so einen Schritt zu machen und damit erfolgreich zu sein, ist alles andere als selbstverständlich.
Kayo: Das kann ich eins zu eins unterschreiben. Dazu kommt, dass ich damals sehr viel Mundart gemacht habe und meine Nische dadurch noch einmal kleiner war. Da hätte mir Berlin wahrscheinlich auch nicht wesentlich mehr geholfen.
Ihr wart beide schon mal für den Amadeus nominiert. Welche Bedeutung hat dieser Preis für österreichische Künstler?
Kayo: Ich finde es grundsätzlich eine wichtige Plattform, um auch weniger bekannte Artists ins Rampenlicht zu rücken, solange es nicht zur Selbstbeweihräucherung der Industrie und bereits etablierter Artists verkommt.
Average: Gerade in den vergangenen zehn bis 15 Jahren hat sich der Amadeus enorm weiterentwickelt. Eine Nominierung bringt inzwischen viel Aufmerksamkeit und kann beispielsweise auch für Festivals im darauffolgenden Jahr relevant sein. Insofern ist der Preis schon wichtig. Ich finde ihn grundsätzlich auch als Plattform wichtig, um weniger bekannte Artists ins Rampenlicht zu rücken – solange er nicht zur Selbstbeweihräucherung der Industrie und bereits etablierter Künstler verkommt.
Euer Album wird schon als möglicher Anwärter auf das Mundartrap-Album des Jahres gehandelt. Wäre eine Amadeus-Nominierung für euch dann die Krönung?
Kayo: Druck erzeugt das weniger. Das Album ist fertig. Druck gibt es eher bei den Live-Shows. Aber eine Auszeichnung wäre natürlich die Krönung von „Krone richten“. Trotzdem sollte man den Tag nicht vor dem Abend loben.
Kann man gewisse Dinge auf Mundart besser ausdrücken als auf Hochdeutsch?
Average: Ich glaube, man kann andere Dinge ausdrücken. Wut oder etwas, das wirklich aus dem tiefsten Inneren kommt, fühlt sich in Mundart oft natürlicher an. Gleichzeitig gehören für uns beide Sprachen zur Identität. Wenn wir hier miteinander am Tisch sitzen, sprechen wir Mundart. In der Schule, in Zeitungen oder im ORF begegnet uns dagegen Standarddeutsch. Beides gehört zu uns – deshalb finde ich es auch völlig natürlich, beides in der Musik zu verwenden.
Kayo: Und auch das verändert sich. Früher hat Mundart besonders gut für Punchlines und klassischen Rap funktioniert. Damals haben manche gesagt, sie könnten sich emotionale Songs auf Mundart gar nicht vorstellen. Je länger man damit arbeitet, desto mehr Möglichkeiten entdeckt man aber. Die Sprache entwickelt sich mit der Musik weiter.
Ihr tretet am 24. September im Wiener Flex auf, worauf dürfen sich eure Fans denn freuen?
Average: Jede Menge Gäste, Überraschungsgäste, einige Künstler vom Album und eine energiegeladene Live-Show.
Kayo: ... von zwei Rappern, die schon sehr viele Konzerte gespielt haben und mittlerweile ganz gut wissen, wie man eine Bühne bespielt.
Und welchen Tipp gebt ihr jungen Musikern weiter?
Beide: Authentisch bleiben – egal, was man macht. Und Kontinuität.
Wer nun Lust auf ein echtes Mund-Art-Rap-Konzert hat, kann sich unter www.oeticket.com noch ein paar Tickets holen.
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.