Wie im Rausch veröffentlichten die Wiener Durchstarter Leftovers ihre Platten und spielten damit eine Tour nach der anderen. Als endlich Raum zum Durchatmen war, musste man sich erst wieder rekalibrieren und finden. Das Drittwerk „Schau nicht so“ ist ein Album, das Hürden überspringen musste und die Band ein Stück weit erwachsen macht. Leon und Alex erklären im Talk, wie es dazu kam und was das jetzt bedeutet.
Wenn man selbst die wilden Sturm-und-Drang-Jahre hinter sich hat und sich auf ein möglichst würdevolles Verwerten der eigenen Historie und Ideale konzentriert, holt man sich für Touren am liebsten jene Supportbands an Bord, die einen an sich selbst erinnern. So oder so ähnlich könnten die Toten Hosen das Wiener Punkrock-Grunge-Kollektiv Leftovers als Anheizer für vier deutsche Gigs und das unlängst gespielte im Wiener Happel-Stadion gewählt haben. Während Hosen-Frontmann Campino in Wien politisch über die aufstrebende AfD vom Leder zog, adressierten die Leftovers ihren Unmut unmissverständlicher und direkter an die FPÖ. Politisch eine Meinung zu haben, anzuecken und auch mal plakativ und direkt vorzugehen, das sind wichtige Ingredienzien der Jugend, deren Aufgabe es ist, zu hinterfragen, zu protestieren und sich aufzulehnen. Das tut das Quartett seit dem Ausklingen der Pandemie besonders häufig. Wie in einem einzigen Kreativrausch erschienen die ersten drei Alben in nicht einmal drei Jahren. Dazu viele Touren, volle Hallen in Deutschland und Jubelkritiken in Fachmagazinen. Dass selbst Anfang 20-Jährige dieses Tempo nicht ewig würden gehen können, war klar.
Das Bandkorsett reparieren
„Wir haben zuletzt damit angefangen, dass jeder daheim bei sich geschrieben und erste Demos aufgenommen hat“, erzählt Drummer Leon Eder im Talk mit der „Krone“, „wir hatten dann 30 Songs oder Songideen und als wir sie uns zusammen anhörten, klang das nicht wie ein Album, sondern wie Songs eben klingen, die vier Leute für sich allein zu Hause machen.“ Also alles auf retour, wieder zusammen in den Proberaum und wieder zurück zu alten Stärken. Das hier nicht verwendete Material kommt anderweitig zum Einsatz. Leon und Alex haben eine kleine Punkband, Bassistin Anna arbeitet an einem opulenten Konzeptwerk zum Thema J.R.R. Tolkien und Leonid experimentiert gerne mit Elektronik. Man wird noch viel hören und schätzen lernen von den vier Musikerinnen der Leftovers, aber um das Bandkorsett wieder stabil zu schnüren, musste an vielen Stellschrauben gedreht werden.
Auch am Produzentensektor suchte und experimentierte man lange, bis man schließlich beim Frontmann von Johnny And The Rotten „in einem Keller in Puchenau“ in der Diaspora des oberösterreichischen Mühlviertels landete. „Ein analoges Mischpult, eine Tape Maschine, kein Monitor. Wir alle zusammen und das Material möglichst live einspielen“, erinnert sich Alex Waismayer, „wir mussten viel schneller und klarer Entscheidungen treffen, weil es schlicht nicht möglich war, alles wieder und wieder zu machen.“ Die Leftovers vertrauten sich und dem ersten Take. Eine erfrischende, gegenwärtige Art und Weise, wie man sich wieder verloren geglaubte Energien in die frisch erwachte Gemeinschaft zurückholte. Von dort weg wurden die Songs geschrieben und alle trugen – wie früher - das Ihre zum musikalischen Gemeinwohl bei. „Es gibt Gründe, warum Corey Taylor manchmal von Slipknot ausschert oder Jack White einst von den White Stripes. Nicht alles, was man will, passt in ein Bandkonstrukt.“
Lieber aktiv als passiv
Die Songs handeln natürlich vom Leben und den Erfahrungen junger Menschen in einem eigentlich privilegierten Land. Es geht aber auch um die Brüche zwischen Kindheit und dem Erwachsenendasein. Wenn man so will, ist die Diskografie der Leftovers eine einzige Abfolge von Coming-Of-Age-Themen, auch wenn Leon die eher mit Pop-Punk der Marke Green Day teilt. „Wobei wir live zuletzt oft ,Teenage Dirtbag‘ von Wheatus gecovert haben. Das ist wohl ein astreiner Coming-Of-Age-Song“. „Erwachsen“ etwa ist ein Track, wo es darum geht, den richtigen Platz im Leben zu finden. „Das ist auch mit Anfang 20 noch nicht leicht. Bertolt Brecht hat gesagt, dass die Masse so lange das Objekt der Politik war und zum Subjekt der Politik werden muss. Mich kotzt die Gesellschaft in vielen Bereichen an, aber wenn ich nicht aktiv Teil von ihr bin, dann bin ich es passiv und somit nur Passagier.“ Dass die Leftovers nicht bewusst politisch texten, hat seine Gründe. „Klar könnten wir in einem Song über Milliardäre und Faschos herziehen, aber wem bringt das was? Wo ist hier der gesellschaftliche Mehrwert?“
Auf die Reife ihrer Texte haben die Leftovers beim neuen Album besonders geachtet. Das eingangs erwähnte allzu Plakative hat man hinter sich gelassen. Die Wut gesellschaftlich wacher Jungerwachsener lässt mehr Subversives zu. „Wir haben öfter über das Material drübergehört und dann noch mal öfter daran gearbeitet, weil wir nicht zufrieden waren. Die schnellste und einfachste Variante ist nicht immer die beste, da muss man manchmal den Denkomat anwerfen, damit etwas nicht nur gut, sondern sehr gut wird und diesen Anspruch haben wir an uns selbst.“ Es gibt ungezwungenere Songs wie „Joint“ oder „Schau nicht so“. Dann aber auch den Opener „Kiwara“, wo die wenig positive Beziehung der Bandmitglieder zur Polizei verankert wird oder das von Anna geschriebene „Nasenbrecher“, eine unmissverständlich und ungewohnt offensive Abhandlung gegenüber übergriffigen, gewalttätigen oder gar mordenden Männern.
Die Sehnsucht nach Ignoranz
„Es ist ein Wahnsinn, dass man das überhaupt sagen muss, aber so wie die Welt gerade ausschaut, wäre es besser, wenn jede Frau lernt, sich selbst zu verteidigen. Wenn es dich empört, dass wir einen Text haben, wo einem Mann ins Gesicht geschlagen wird, weil er sich einer Frau gegenüber ungebührlich verhalten hat, dann bist du das Problem. Wir sind sicher nicht die erste Band, die über so ein Thema singt, aber man muss immer und immer wieder daran erinnern, weil es anders nicht besser wird. Manchmal braucht ein Thema nicht den großen Tiefgang. Da reicht es aus, wenn man klar und unmittelbar sagt, was Sache ist.“ Erwachsensein ist eben in vielen Bereichen nicht einfach. „Was ich an der Kindheit vermisse, ist das ignorant sein“, bekräftigt Leon, „in der Früh aufstehen, den ersten Kaffee trinken, kurz aufs Handy schauen, was gestern Nacht schon wieder passiert ist und deshalb gleich wieder schlechte Laune haben – das passiert dir als Kind nicht und nach diesem Gefühl sehne ich mich manchmal. Diese Welt ist wie Pandoras Box – ist sie offen, kannst du sie nie wieder schließen.“
Abseits der eigenen neuen Musik – sind die Toten Hosen denn jetzt noch Punk? „Ideale sind nicht musikalisch, sie sind nur eine eigene moralische Vorstellung. So wie du durch die Welt gehst und wie du mit der Welt und den Menschen umgehst. Dass haben die Hosen nie aufgegeben. Wir wurden von den Musikern und der gesamten Crew mit offenen Armen empfangen. Wahrscheinlich sind sie Millionäre, aber sie lassen das nicht raushängen. Für mich waren sie immer eine Stadionrock- und Dad-Rock-Band wie die Foo Fighters. Aber ich habe mich dann durch ihre Diskografie gehört und nicht nur ,Tage wie diese‘. Da fand ich einiges davon wirklich geil. Es wäre aber auch Schwachsinn mit 60 noch Songs darüber zu schreiben, wie du in besetzten Häusern wohnst. Jeder weiß, dass das nicht stimmt. Es ist Musik von Deutschen für Deutsche, aber sie machen das mit Herz und aus den richtigen Motiven. Es ist gut, dass diese Musik die Stadien füllt.“
Liveshows in Österreich
Vom Füllen großer Stadien sind die Leftovers noch ein bisschen entfernt, nach den prestigeträchtigen Shows mit den Hosen geht es mit dem neuen Album „Schau nicht so“ auch hierzulande munter weiter. Am 2. Oktober spielt man im Grazer ppc, am 3. Oktober im Alten Schlachthof in Wels, am 30. Oktober in der ARGE Salzburg und am 31. Oktober in der Bäckerei in Innsbruck. Für Wien wird man sich auch noch was einfallen lassen. Alle Informationen, Tickets etc. gibt es unter www.oeticket.com. Dort werden alle offenen Fragen beantwortet und Wünsche erfüllt.
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