Völlig überraschend war Ulrich Lenz im Sommer nicht (wie erwartet) als Intendant der Oper Graz verlängert worden. Nun zieht auch sein Ballettchef Dirk Elwert die Konsequenzen. Er wird Graz am Ende der Saison 2027/28 verlassen. Im Interview mit der „Krone“ erklärt er den Schritt und spricht über seine Enttäuschung.
KRONE: Herr Elwert, Sie haben vor kurzem Ihre vierte Saison als Ballettchef der Grazer Oper begonnen – es wird jedoch Ihre vorletzte sein. Warum?
Dirk Elwert: Es ist ja eigentlich nicht überraschend, dass ein Intendantenwechsel auch einen Wechsel in den anderen Leitungsfunktionen bedeutet. Und nachdem Ulrich Lenz nicht verlängert wurde, war eigentlich auch klar, dass meine Zeit hier abläuft – jedoch früher als ich es mir erhofft hatte.
Eigentlich sah es ja so aus, als ob Ulrich Lenz – und damit auch Sie – weitere fünf Jahre in Graz bleiben könnten – wir haben berichtet. Doch dann ging Hahn beim Hearing überraschend als Siegerin hervor. Wie haben Sie den Tag der Entscheidung erlebt?
Ich bin aus allen Wolken gefallen und konnte die Entscheidung wirklich nicht fassen. Ich hatte mit Ulrich Lenz immer wieder im Vorfeld gesprochen und habe ihn auch ermutigt, sich zu bewerben. Er hat mir zwar berichtet, dass es atmosphärische Missstimmung gibt, die sich vor allem auf die Fragen der Strukturreform beziehen. Aber nachdem wir gemerkt haben, wie viel positive Rückmeldungen es gibt, haben wir uns in der Hoffnung beworben, dass wir unsere Arbeit hier weiter machen können. Wir sind eigentlich davon ausgegangen, dass er es wieder wird. Doch dann kam es anders. Für mich war es ein Gefühl, als würde man einem erfolgreichen Läufer das Bein stellen. Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wir sind erfolgreich – sowohl was die Zahlen anbelangt als auch was die künstlerische Qualität anbelangt. Der Vorgang ist für mich so nicht nachvollziehbar.
Was hat Sie dazu bewogen, sich nicht um den Posten des Ballettchefs unter der designierten Intendantin Marlene Hahn zu bemühen?
Einerseits ist da meine Loyalität Ulrich Lenz gegenüber, der mir die Möglichkeit gegeben hat, hier an dem Haus meine Visionen von Ballett und Tanz umzusetzen. Mir fehlt die Fantasie mir dieses Haus ohne Ulrich Lenz vorzustellen. Die andere Frage, die mich beschäftigt hat, ist: Warum hat man sich gegen Lenz entschieden und was wird unter den neuen strukturellen Vorgaben, die ja wohl mit Einsparungen zusammenhängen werden, hier am Haus noch möglich sein ab der Saison 2028/29. Ich weiß nicht, ob die Qualität, die ich mir vorstelle, dann noch gewollt ist. Und ich muss auch sagen: Die Art und Weise, wie die Entscheidung gegen Ulrich Lenz getroffen wurde, hat mich sehr verunsichert und mir fehlt ein bisschen das Vertrauen in den Arbeitgeber – sowohl die Kulturpolitik als auch den Aufsichtsrat.
Haben Sie das Gefühl, mit Ihrer Arbeit in Graz nicht angekommen zu sein?
Ganz im Gegenteil. Ich spüre, dass es in der Stadt einen Hype um das Ballett gibt. Wir sind angekommen und meine Arbeit und vor allem die Arbeit der grandiosen Company wird geschätzt – das kann man ja auch an Zahlen festmachen. Dass dieser Erfolg nicht wertgeschätzt wird von der Kulturpolitik und vom Aufsichtsrat, das ist für mich schockierend. Und es tut mir auch weh, diesen Weg nach der Saison 2027/28 nicht weitergehen zu können. Ich wäre gerne mit Ulrich Lenz geblieben und es hätte tolle Pläne für die Zeit gegeben – auch unter Berücksichtigung der Sparmaßnahmen, die uns wohl erwartet hätten. Wir sitzen hier ja nicht im Elfenbeinturm und blenden die politischen Realitäten aus. Aber mit dem Holzhammer draufzuhauen ist jedenfalls der falsche Weg. Nichtsdestotrotz werden wir jetzt zwei Jahre auf dem Niveau, das wir in den letzten drei Jahren aufgebaut weitermachen und dem Publikum hoffentlich noch viele schöne Momente schenken.
Was gibt Ihnen die Kraft für diese zwei Jahre?
Wenn ich im Ballettsaal stehe mit der Company – aktuell etwa bei den Proben für „Romeo und Julia“ – das gibt mir ganz viel Kraft. Und ich weiß ja, was wir programmatisch geplant haben für die kommenden zwei Jahre und darauf freue ich mich.
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