Seit mehr als 100 Jahren gibt das Grab des berühmten Pharaos Tutenchamun Archäologen Rätsel auf. Nun liefern neue Untersuchungen Hinweise darauf, dass sich tatsächlich bislang unbekannte Räume und Gänge hinter den Wänden befinden könnten. Und die Spur führt möglicherweise zu einem der größten Geheimnisse des alten Ägypten: dem bislang nicht gefundenen Grab der Königin Nofretete.
Das Grab mit der Bezeichnung „KV62“ wurde 1922 im Tal der Könige entdeckt. Auffällig ist seine vergleichsweise geringe Größe, die für die Ruhestätte eines Pharaos ungewöhnlich ist. Bereits 2015 hatte der britische Ägyptologe Nicholas Reeves die Vermutung geäußert, dass sich hinter den Wänden weitere Bereiche befinden könnten. Er vermutete dort die Grabstätte Nofretes, die möglicherweise selbst für kurze Zeit als Pharaonin regierte.
Neue Untersuchungen liefern Hinweise
Ein Team um den früheren ägyptischen Antiken-Minister und Archäologen Mamdouh Eldamaty untersuchte das Grab und die Umgebung mit mehreren geophysikalischen Methoden. Zum Einsatz kamen unter anderem ein Bodenradar, elektrische Widerstandstomografie und erstmals auch sogenannte Mikrogravimetrie. Dabei werden winzige Unterschiede im Schwerefeld der Erde genutzt, um Veränderungen der Dichte unter der Oberfläche aufzuspüren.
Besonders interessant sind laut den Forschern Messungen außerhalb des Grabes. Mehr als 1200 Messungen auf einer Fläche von rund 35 Quadratmetern deuten demnach auf Strukturen hin, die rechtwinklig angeordnet und parallel zur Nordwand von Tutenchamuns Grab ausgerichtet sind. Die Forscher vermuten dahinter mögliche künstlich angelegte Räume. Auch frühere Messungen aus dem Jahr 2017 zeigten Auffälligkeiten in ähnlichen Bereichen.
Messungen an den Grenzen der Nachweisbarkeit
Im Inneren des Grabes entdeckten die Forscher zudem Hinweise auf einen etwa zwei Meter breiten, mit Schutt gefüllten Gang, der von der Grabkammer wegführen könnte. Eine weitere auffällige Struktur wurde als „Anomalie 7“ bezeichnet. Dabei handelt es sich um einen Bereich mit geringer Dichte, in dem sich eine annähernd quadratische Zone höherer Dichte befindet. Laut dem beteiligten Bauingenieur George Ballard könnte sich dahinter eine mit Gegenständen gefüllte Kammer verbergen. Gleichzeitig betont er, dass sich die Messungen bereits an den Grenzen der Nachweisbarkeit bewegen.
Liegt Nofretete tatsächlich dort?
Die Forscher gehen davon aus, dass sich nördlich und westlich der bekannten Grabkammern ein größerer, bislang verborgener Komplex befinden könnte. Laut dem Bericht des renommierten Fachmagazins „Nature“ könnten sich die vermuteten Strukturen etwa 25 bis 30 Meter nach Norden erstrecken. Die Wissenschaftler halten zudem mindestens eine weitere Kammer westlich der Grabkammer für möglich.
Die Ergebnisse beweisen allerdings noch keineswegs, dass Nofretete dort begraben wurde. Genau hier mahnen andere Experten zur Vorsicht. Der Geophysiker Peter Styles von der britischen Keele University bezeichnet die Existenz von Kammern gegenüber phys.org auf Grundlage der Mikrogravimetrie als plausibel, fordert aber weitere Informationen. Der Archäologe und Bodenradar-Spezialist Christopher Gaffney von der University of Bradford nennt den Bericht „faszinierend“, sieht darin aber noch keine ausreichende Grundlage für endgültige Schlussfolgerungen.
Wird weitergesucht? Es braucht grünes Licht
Ob tatsächlich hinter den Wänden von KV62 weitere Räume verborgen sind, liegt nun auch in den Händen des ägyptischen Obersten Rates für Altertümer. Sollte die Behörde grünes Licht geben, könnten laut Ballard bereits im November vorsichtige Bohrungen beginnen. Dabei sollen kleine, mit Kameras ausgestattete Fahrzeuge in die vermuteten Hohlräume gebracht werden. Erst eine solche direkte Untersuchung könnte zeigen, was sich tatsächlich hinter den Wänden befindet.
Für den leitenden Forscher Mamdouh Eldamaty wäre eine Bestätigung der Ergebnisse von enormer Bedeutung. Sollte sich der vermutete Komplex tatsächlich als solcher erweisen und darin Nofretetes Grab gefunden werden, wäre dies nach seiner Einschätzung eine der bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der Neuzeit.
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.