„Krone“-Gastkommentar

Grüner Atomstrom

Kolumnen
21.09.2026 09:00

Wie schafft man es, Strom als 100% Öko zu verkaufen, obwohl auch fossile und Atomenergie verbraucht wird? Die Antwort liegt im EU-Recht: Die Erneuerbare-Energien-Richtlinie erlaubt, Herkunftsnachweise unabhängig von der Energie zu handeln. Ihr Stromanbieter kann also Strom am Großhandelsmarkt kaufen und die Herkunftsnachweise separat beschaffen – etwa für reine Wasserkraft von einem anderen Erzeuger. So bekommt der Strom zwar keine neue Herkunft, aber immerhin einen neuen Herkunftsnachweis.

Diese Umetikettierung führt dazu, dass in Österreich im vergangenen Jahr 87,34% des verbrauchten Stroms als erneuerbar und kein Atomstrom ausgewiesen wurden. Electricity Maps hingegen berechnet den tatsächlich gelieferten Strom anhand von Erzeugungsdaten: Demnach haben wir 2025 in Österreich 19,3% fossil erzeugten Strom verbraucht; der Anteil der Kernenergie lag bei 6,2%.

Krumm und schief lachen dürfen sich die Norweger, die mehr als 98% ihres Stroms aus Wasser- und Windkraft erzeugen. Ihre grünen Herkunftsnachweise verkaufen sie für Millionen auch nach Österreich. Auf dem Papier stammt ihr Strom 2025 deshalb zu 58% aus fossilen und zu 10% aus nuklearen Quellen. Die norwegische Regierung beruhigt: Der tatsächlich verbrauchte Strom sei natürlich grün. Der Strom bleibt also, wo er ist. De facto geht nur seine grüne Herkunft auf Reisen. Wer ist hier nun eigentlich der Dumme?

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