„Muss herumwurschteln“

Lehrer laufen gegen „Digitalbremse“ Sturm

Innenpolitik
16.09.2026 14:41

Österreich verschiebt die Ausgabe von Laptops und Tablets um eineinhalb Jahre. Lehrer, Eltern und Schülervertreter laufen dagegen Sturm und werfen dem Bildungsministerium vor, pädagogische Argumente für ein Sparpaket vorzuschieben.

Wie berichtet, will Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) an Österreichs Schulen wieder stärker auf Handschrift und gedruckte Unterrichtsmittel setzen. Persönliche Laptops und Tablets sollen Schüler künftig erst im zweiten Semester der sechsten Schulstufe erhalten – rund eineinhalb Jahre später als bisher.

In den Schulen sorgt die „Digitalbremse“ allerdings für heftigen Widerstand. „Jetzt wird so getan, als wären genau diese Geräte das Problem“, kritisiert Ingo Stein, Leiter der Mittelschule KOPP 2 in Wien. Das Problem mit sozialen Medien sei real, spiele sich aber vor allem „daheim am privaten Handy“ ab; nicht im Unterricht mit verwalteten Schulgeräten.

„So funktioniert Unterricht nicht“
Besonders problematisch sei, dass Digitale Grundbildung bereits ab der fünften Schulstufe unterrichtet wird, die dafür notwendigen Geräte künftig aber erst eineinhalb Jahre später kommen sollen. „Wenn die Geräte erst Mitte der zweiten Klasse kommen, darf ich ein Jahr herumwurschteln und dann hoffen, dass sich’s bis zur vierten Klasse irgendwie ausgeht“, sagt Stein. „Ehrlich gesagt: So funktioniert Unterricht nicht.“ Auch ein Wiener Lehrer, der anonym bleiben möchte, warnt vor einem „Rückbau funktionierender Unterrichtsabläufe“. Viele Schulen hätten in den vergangenen Jahren Digitalisierungskonzepte ausgearbeitet und digitale Lernplattformen, gemeinsame Dokumente sowie individuelle Übungsprogramme fest im Unterricht verankert. Ohne persönliche Geräte könnten diese nicht einfach „ein bisschen analoger“ weitergeführt werden.

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Wenn Schülerinnen und Schüler gleichzeitig deutlich später ihre digitalen Endgeräte bekommen, passt das schlicht nicht zusammen.

Hannah Scheidl, Bundesschulsprecherin

Schüler sehen einen Widerspruch
Für Bundesschulsprecherin Hannah Scheidl geht die Rechnung ebenfalls nicht auf: „Digitale Grundbildung beginnt bereits in der ersten Klasse der Unterstufe. Wenn Schülerinnen und Schüler gleichzeitig deutlich später ihre digitalen Endgeräte bekommen, passt das schlicht nicht zusammen.“

Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz und sozialen Medien müsse Jugendlichen der bewusste und sichere Umgang mit digitalen Geräten beigebracht werden. „Natürlich muss nicht jede Unterrichtsstunde vor einem Bildschirm stattfinden“, betont Scheidl. Die notwendige Infrastruktur dürfe aber nicht davon abhängen, welche Schule ein Kind besucht. Auch der Bundeselternverband hatte bereits nach Bekanntwerden der Verschiebung gewarnt: Schulen könnten nicht einfach auf private Handys oder Geräte der Eltern ausweichen. Damit drohe die digitale Ausstattung stärker vom Geldbeutel der Familien abzuhängen.

Die Grünen vermuten ein Sparpaket
Die Grünen orten hinter der Verschiebung ohnehin weniger eine pädagogische Kehrtwende als eine Sparmaßnahme. Den Schulleitungen sei die Entscheidung in einem Schreiben ausführlich pädagogisch begründet worden, kritisiert die stellvertretende Klubobfrau Sigi Maurer. Im Budgetausschuss habe Wiederkehr hingegen offen eingeräumt, dass damit kurzfristig vergleichsweise einfach Geld eingespart werden könne. Und zwar nicht wenig: 2027 soll die spätere Geräteausgabe 30 Millionen Euro bringen, 2028 bereits 50 Millionen Euro. Maurer spricht von einem „kuriosen Vorgehen“ des Ministeriums. Während die Regierung von digitaler Bildung spreche, werde den Schulen dafür alelrdings die technische Grundlage entzogen.

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