Start von Pilotprojekt

„Wenn Angebot passt, bleiben die Leute im Dorf“

Politik
15.09.2026 07:00

Eine Sonderstellung in Österreich nimmt Tirol mit dem massiven Ausbau der Kinderbildung und -betreuung ein: Kein Bundesland hat bis dato das Recht auf Vermittlung eines geeigneten Betreuungsplatzes gesetzlich verankert. Hintergrund ist auch, einem für Gemeinden gefährlichen Trend entgegenzuwirken, wie die Landesspitze im Interview erläutert.  

Tiroler Krone: Die wichtigste Frage zum Start dieses neuen Modells: Was bringt es den Kindern, was den Eltern?
LH Mattle: Für die Kinder ist es eine unwahrscheinlich gute Gelegenheit, das Miteinander zu lernen, auch zu lernen, dass man nicht allein in der Gesellschaft ist, sondern dass man auch auf die Mitmenschen schaut. Die Eltern – das ist ein ganz großer Mehrwert – haben die Wahlfreiheit. Man kann sich entscheiden, ob man längere Zeit zu Hause bleibt oder ob die Kinder in einer Kinderbildungseinrichtung betreut werden sollen. Und dann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – in Tirol ist das schon auch etwas Entscheidendes.

Die Eltern müssten sich aber irgendwo auch ausrechnen können, was kostet mich jetzt dieses neue Modell? Warum gibt es auf der Landes-Homepage keinen Modellrechner? Wie können die Eltern abschätzen, was an Kosten auf sie zukommt?
LH Mattle: Ich gehe davon aus, dass die meisten Eltern mit ihren Gemeinden und Einrichtungen in Kontakt sind und dass sie auf den Gemeindeämtern erfahren, um wie viel Kindergartenbildung und Kinderbetreuung in der jeweiligen Gemeinde angeboten wird. Wir haben herausgefunden, was die Betreuung in den jeweiligen Gemeinden kostet. Die Empfehlung von 1,20 € pro Betreuungsstunde sind genau der Mittelwert zwischen denen, die viel verlangen und denen, die gar nichts verlangen. Das Ziel ist, dass man sich im Laufe von fünf Jahren auf diesem Zielwert hin bewegt, sodass es auch einfacher ist für die Eltern, das zu kalkulieren.

Zitat Icon

Wir haben Einrichtungen in Finnland besucht. Die machen das sehr gut. Aber die schöneren Kindergärten und die engagierteren Betreuerinnen haben wir.

LH Mattle und LR Hagele unisono

Betreuungsplatz binnen 15 Minuten Autofahrt
Bleiben wir noch bei den Zahlen. Frau Landesrätin, Sie haben betont, 11.600 Kinder seien vermittelt, 99 Prozent davon direkt im Wohnort. Was ist mit dem letzten Prozent? Ist es in der Zwischenzeit gelöst?
LR Hagele: Im jeweiligen Wohnort kann man so nicht sagen. Wir haben immer gesagt, uns ist wichtig, dass man innerhalb von 15 Minuten Erreichbarkeit einen Kinderbetreuungsplatz hat. Sowohl in der Kinderkrippe als auch im Kindergarten und im Hort. Es kann durchaus Eltern geben, die sagen, für mich wäre es idealer, wenn mein Kind in einem anderen Ort geht. Auch diese Möglichkeit bieten wir. Wir haben derzeit noch 60 Kinder, bei denen wir noch schauen müssen, wo sie einen Platz finden. Das müssen wir ehrlich sagen.

LH Mattle und LR Hagele im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Philipp Neuner
LH Mattle und LR Hagele im Gespräch mit „Krone“-Redakteur Philipp Neuner(Bild: Christof Birbaumer)

Wie sieht es denn auf der Personalseite aus? Hat man genügend Elementarpädagoginnen und -pädagogen in Tirol?
LR Hagele: Mit den Einrichtungen und mit den Gruppen, die wir haben, finden wir ein Auskommen. Die Gruppen sind jeweils mit einer Pädagogin und einer Assistentin besetzt und dann kann es noch sein, dass es Unterstützungskräfte gibt in der Sprach- oder auch Gruppenunterstützung.

Mehrfach-Anmeldungen waren bislang ein Problem
Wie wirkt sich die eingangs erwähnte Wahlfreiheit aus? Worin besteht der Mehrwert für die Wirtschaft?
LH Mattle: Gemeinden, die ein tolles Angebot im Bereich der Kinderbildung und -betreuung haben, dort bleiben die Leute auch im Dorf. Ich schaue mir immer bei den statistischen Zahlen nicht nur die Einwohnerzahlen und die Finanzkraft an, sondern immer auch den Geburten- und Wanderungssaldo. Und dort, wo die Zahlen positiv sind, wissen wir, da gibt es gute Kinderbildung und -betreuung. Der Ausbau des Angebots war auch ein Wunsch der Wirtschaft. Wir haben das Recht auf Kinderbildung ab dem zweiten Geburtstag umgesetzt – als einziges Bundesland in Österreich.

Mit der Stadt Innsbruck gab es ja Meinungsverschiedenheiten. Wie ist hier der aktuelle Stand?
Es hat sich eigentlich sehr gelegt. Der Herr Bürgermeister ist draufgekommen, dass es mit unserem Modell und auch mit der Anmeldeplattform Frida für die Stadt einfacher ist zu wissen, wie viel Bedarf wirklich da ist. Wir haben ja das Thema gehabt, dass sich manche Eltern in unterschiedlichen Einrichtungen schon gemeldet haben. Man hat nie genau gewusst, wie ausgelastet die Gruppen sind.  

Dorfchef berichtet aus Praxis
Durchaus Aufwand für Gemeinden

Der Kindergarten Völs West besteht aus sechs Gruppen mit 120 bewilligten Plätzen. Erstmalig wurde dort den Kindern, die heuer zum ersten Mal eine Kinderbetreuungseinrichtung besuchen oder gewechselt haben, über die Anmeldeplattform Frida ein Betreuungsplatz zugeteilt oder vermittelt – so wie in ganz Tirol. „Am Anfang waren wir alle ein bisschen skeptisch, inklusive Kindergartenkoordinatorin, aber es hat eigentlich gut funktioniert“, berichtet Peter Lobenwein, SPÖ-Ortschef in Völs, aus der Praxis.

Es habe ein paar Startschwierigkeiten gegeben, aber es sei gelungen, diese auszumerzen. Für die Gemeinden bedeute das Modell einen administrativen Mehraufwand. Thema seien auch immer wieder die Assistenzleistungen. Man habe sich um moderate Tarife bemüht: Für die Eltern bedeute das neue Modell keinen finanziellen Mehraufwand.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung