Der Fachkräftekoordinator in der Wirtschaftskammer Tirol, David Narr, übt Kritik an ÖGB und Politik. Es brauche mehr Unterstützung – und das nicht nur in Sonntagsreden, wie er im „Krone“-Interview erklärt.
„Krone“: Was sagen Sie zum Vorschlag des ÖGB, „unwillige“ Lehrbetriebe in Zukunft quasi zu sanktionieren?
David Narr: Die aktuelle Diskussion rund um den Vorschlag des ÖGB, Ausbildungsbetriebe, die ausbilden könnten, es aber nicht tun, stärker zur Verantwortung zu ziehen, finde ich ehrlich gesagt zu kurz gegriffen. Wenn wir die Fachberufslehre dauerhaft stärken wollen, müssen wir über weit mehr als über die Frage sprechen, wie man Betriebe sanktioniert.
Woran denken Sie?
Die Senkung der Lohnnebenkosten für Lehrlinge ist beispielsweise eine meiner Forderungen – und aus meiner Sicht längst überfällig. Ausbildungsbetriebe geraten zunehmend unter Kostendruck und die Bürokratie ist fesselnd. Gleichzeitig hat die Politik erst vor Kurzem die Basisförderung für Lehrlinge reduziert. Hintergrund ist, dass die Förderung aufgrund der gestiegenen Kollektivvertragslöhne nicht mehr ausreicht, die Politik das Fördervolumen aber nicht entsprechend angepasst hat. Für mich ist das ein fatales Signal. Wenn wir von den Betrieben immer mehr Ausbildung und Verantwortung erwarten, gleichzeitig aber die Unterstützung reduzieren, dürfen wir uns am Ende des Tages nicht wundern, wenn die Bereitschaft zur Ausbildung bei allem Bedarf sinkt.
Wohin führt das?
Geeignete Bewerberinnen und Bewerber fehlen bekanntlich. Damit wird Ausbildung für Betriebe nicht nur schwieriger, sondern auch teurer. Wenn ein junger Mensch mehr Betreuung, Unterstützung und Begleitung benötigt, steigt der tatsächliche Ausbildungsaufwand für die einzelnen Betriebe erheblich.
Mich wundert daher, dass die Gewerkschaften bei dieser Diskussion nicht stärker die Perspektive der Jugendlichen einnehmen.
David Narr, Fachkräftekoordinator in der WK Tirol
Was sind Ihre Forderungen an die Politik?
Es geht um ein zeitgemäßes Wording, eine stärkere Berufsorientierung bereits in der Unterstufe, die Stärkung der Polytechnischen Schulen, bessere Anrechnungen zwischen Bildungswegen und einen leichteren Zugang zu wirtschaftsnahen Studien. Anders als bei AK- Präsident Erwin Zangerl habe ich bei diesen Themen von den Gewerkschaften bisher leider keinerlei Unterstützung wahrgenommen. Dabei zeigt auch die aktuelle Tiroler Jugendstudie, dass wir genau hier ansetzen müssen. Mich wundert daher, dass die Gewerkschaften bei dieser Diskussion nicht stärker die Perspektive der Jugendlichen einnehmen.
Sie fordern ja immer wieder eine Aufwertung der Lehre. Wie soll diese aussehen?
Es geht bei geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern auch nicht ausschließlich um die Kosten. Von der Qualität unserer Fachkräfte hängen in vielen Bereichen Sicherheit, Gesundheit und letztlich sogar Leib und Leben ab – etwa in Krankenhäusern, bei Gasanlagen, in der Elektrotechnik oder der Automobilbranche. Gleichzeitig investieren Unternehmen über ihre Beiträge und Steuern auch in andere Bildungswege. Umso mehr wäre es aus meiner Sicht ein echtes Zeichen der Wertschätzung, wenn wir die Fachberufslehre und ihre Absolventinnen und Absolventen endlich dauerhaft auf Augenhöhe behandeln.
Mir fehlt seit Langem ein erkennbares Bewusstsein dafür, was Fachkräfte heute wissen, können und leisten müssen.
David Narr, Fachkräftekoordinator in der WK Tirol
Was sind die Probleme?
Was mich dabei besonders ärgert: Viele dieser Probleme sind nicht neu. Die Politik ist bei zahlreichen notwendigen Reformen seit Jahren säumig. Die Ausbildungsbetriebe sind nicht das Problem. Sie bilden aus, obwohl es zunehmend schwieriger und teurer wird. Ich glaube, genau darüber sollten wir einmal ausführlicher sprechen – nicht nur über Förderungen oder die Frage, ob man ausbildungswillige Betriebe bestrafen soll, sondern darüber, wie wir die Fachberufslehre in Österreich tatsächlich dauerhaft stärken können.
Was wollen Sie dem ÖGB bzw. der Politik ins Stammbuch schreiben?
Ich frage mich schon, welches Bild Politik und ÖGB eigentlich von unseren Fachkräften haben und welche Qualifikationen sie von ihnen erwarten. Mir fehlt seit Langem ein erkennbares Bewusstsein dafür, was Fachkräfte heute wissen, können und leisten müssen.
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