Debatte um Arbeitszeit

ÖGB: Fässler verwendet „irreführende Zahlen“

Vorarlberg
10.09.2026 18:25
Porträt von Vorarlberg-Krone
Von Vorarlberg-Krone

Die Diskussion um eine Reduktion der Arbeitszeit sorgt in Vorarlberg weiter für scharfe Töne. Gewerkschafter um Reinhard Stemmer werfen nun dem Wirtschaftskammerchef vor, mit Statistiken zu tricksen und die Realität von Vollzeitbeschäftigten zu verschleiern. 

Begonnen hatte alles mit einer Forderung des ÖGB-Landesvorsitzenden Reinhard Stemmer, der eine Arbeitszeitverkürzung gefordert hatte. Julian Fässler, Direktor der Vorarlberger Wirtschaftskammer, konterte scharf und warnte vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit. Auch führte er an, dass die tatsächlich geleistete Arbeitszeit im Jahr 2025 bei nur noch rund 29,4 Stunden pro Woche gelegen hätte.

Genau diese Zahl stellt Stemmer nun in Frage. Die von der Kammer ins Feld geführte Zahl von durchschnittlich 29,4 Wochenstunden vermische Vollzeit- und Teilzeitkräfte und erstelle so ein gänzlich falsches Bild. „Die Wirtschaftskammer sollte aufhören, Teilzeit mit Arbeitszeitverkürzung zu verwechseln!“ Wer diese Zahl nutze, um den Beschäftigten vorzuwerfen, sie würden zu wenig arbeiten, verschweige die Realität.

Frauen als Verlierer beim Einkommen 
Tatsächlich arbeiten Vollzeitbeschäftigte in Österreich laut Eurostat im Schnitt 40,7 Stunden pro Woche – ein Spitzenwert im europäischen Vergleich. Hinzu kämen allein im Jahr 2025 fast 46 Millionen unbezahlte Mehr- und Überstunden. Das Problem liege nicht an mangelnder Arbeitsmoral, sondern an fehlenden Rahmenbedingungen. Vor allem Frauen seien wegen fehlender Betreuungsangebote oft in Teilzeit gedrängt. Das habe spürbare Konsequenzen: Vorarlberg weist mit 21,7 Prozent den höchsten Gender Pay Gap und mit 46,7 Prozent den höchsten Gender Pension Gap in ganz Österreich auf.

Reinhard Stemmer und seine Mitstreiter bei der Pressekonferenz am Dienstag.
Reinhard Stemmer und seine Mitstreiter bei der Pressekonferenz am Dienstag.(Bild: ÖGB Vorarlberg)

Der ÖGB sieht die geforderte Arbeitszeitverkürzung durch den Produktivitätsgewinn der vergangenen Jahrzehnte abgedeckt. Die Unternehmen produzierten heute pro Stunde ein Vielfaches früherer Generationen. „Die Produktivitätsgewinne dürfen nicht ausschließlich bei den Unternehmen landen – ein Teil davon muss auch als mehr Freizeit und Lebensqualität bei den Beschäftigten ankommen“, fordert der ÖGB-Landesvorsitzende.

Industriellenvereinigung kontert: „Ablauf völlig deplatziert“
In die Arbeitszeiten-Debatte haben sich inzwischen auch die Spitzen der Vorarlberger Industriellenvereinigung eingeschaltet. Für deren Präsident, Elmar Hartmann, kommt die Debatte zur Unzeit. Österreich befinde sich im dritten Rezessionsjahr und sei im internationalen Wettbewerbsranking stark zurückgefallen. Eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde die Arbeitskosten weiter in die Höhe treiben und die Inflation anheizen.

Hartmann verweist zudem auf den bereits bestehenden Fachkräftemangel in Schlüsselbereichen wie Pflege, Medizin und Exekutive: „Wenn ein Krankenhaus die gleiche Versorgung mit weniger Arbeitszeit sicherstellen soll, braucht es mehr Personal. Die entscheidende Frage lautet: Woher sollen diese Menschen kommen?“ Dass eine Arbeitszeitverkürzung das Teilzeitproblem löse, weist die IV zurück. Stattdessen müsse das Steuer- und Abgabensystem so angepasst werden, dass sich die Aufstockung von Teilzeit auf Vollzeit für die Beschäftigten finanziell wieder spürbar lohnt.

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