Mit Haris Tabakovic verpflichtete der FC Red Bull Salzburg im Sommer einen Vollblutknipser. Im großen Interview mit der „Krone“ spricht der 32-jährige Bosnier über seinen Start in der Mozartstadt, seine Frau Sabrina, den Hunger nach Titeln und einen Hype in seiner Heimat.
„Krone“: Haris, du bist frühzeitig aus dem WM-Urlaub zurückgekehrt, um früher ins Training einzusteigen. Bist du generell jemand, der gerne bereit ist, den berühmten Extrameter zu gehen?
Haris Tabakovic: Wenn man meine Karriere betrachtet, war es so, dass ich diesen Extrameter immer gerne gemacht habe. Das heißt nicht nur, dass ich früher zum Training komme, sondern betrifft das ganze Programm. Ich bin der Typ, der sofort wieder fit werden will, schnell Anschluss in der Mannschaft finden und diese kennenlernen möchte. Auch Zusatzschichten im Training gehören dazu. Es reicht heutzutage nicht mehr, sich nur aufs Training mit der Mannschaft zu verlassen. Jeder muss seine Routinen finden, um absolut bereit zu sein.
Salzburg bietet dafür die idealen Rahmenbedingungen?
Die Infrastruktur, die der Klub anbietet, ist das Maximum – das ist wirklich brutal!
Wie konnte dich Marcus Mann nach einer Leihsaison in Gladbach mit 15 Toren in 35 Pflichtspielen von einem Engagement in Salzburg überzeugen?
Anfangs waren das noch eher lose Gespräche. Ich habe damals gleich gesagt, dass ich mit dem Kopf voll bei der WM mit Bosnien bin. Es ging für mich darum, zu wissen, was der nächste Step in meiner Karriere sein soll. In Hoffenheim hatte ich noch ein Jahr Vertrag, dort wurde aber nicht zu hundert Prozent mit mir geplant. Mir war die Langfristigkeit wichtig. Zudem habe ich noch keinen Titel geholt, wenn man davon absieht, dass ich mit Austria Lustenau Zweitligameister geworden bin. Mir fehlt das ebenso wie die Champions League.
Ein Dreijahresvertrag für einen 32-Jährigen ist ungewöhnlich. Wie schwierig waren die Gespräche diesbezüglich?
Vertragsverhandlungen sind immer hart (lacht). Der Spieler hat Forderungen, der Berater vermittelt für den Spieler, und auch der Klub hat seine Ideen. Es ist immer eine Form der Annäherung und der Klub erkundigt sich natürlich, wie ein Spieler charakterlich ist.
Selbstverständlich fragt man da mal nach. Am Ende ist es dennoch so, dass jeder selbst ein Gefühl dafür entwickeln muss, ob es der richtige Schritt ist.
Haris TABAKOVIC informierte sich über Salzburg
Hast du dich vorab bei deinen Nationalteamkollegen über Salzburg erkundigt?
(lacht) Klar. Ich bin ja sehr gut mit Amar Dedic, auch Kerim Alajbegovic ist ein Freund aus dem Nationalteam. Selbstverständlich fragt man da mal nach. Am Ende ist es dennoch so, dass jeder selbst ein Gefühl dafür entwickeln muss, ob es der richtige Schritt ist.
Wie wichtig ist dir, Verantwortung zu übernehmen?
In einer Mannschaft ist es immer wichtig, Leader zu haben. Bei uns sind das nicht nur Niki (Veratschnig) und ich, wir haben mehrere Spieler und auch einen Mannschaftsrat. Es braucht aber immer einen Gegenpol zur Klubführung, denn du musst als Spieler Diskussionen führen. Auch in Gladbach, wo ich zur Leihe war, habe ich mich zu hundert Prozent mit dem Klub identifiziert. Es ist ganz einfach mein Naturell, Verantwortung zu übernehmen.
Deine Frau ist die große Konstante in deinem Leben, da du in den vergangenen Jahren häufig den Verein gewechselt hast. Welche Bedeutung hat sie für dich?
Ich bin sehr dankbar dafür, was sie alles gemeinsam mit mir macht. Sie stärkt mir den Rücken. Als Partnerin, jetzt Ehefrau, ist das nicht immer einfach. Wir sind damals in Lustenau zusammengekommen und seither jeden Sommer umgezogen. Das ist gar nicht so leicht, da sich ein Mensch nach Stabilität sehnt. Sie ist eine wichtige Konstante in meinem Leben und wie toll sie das alles meistert, ist wirklich unglaublich.
Unglaublich ist auch deine bisherige Torausbeute: Neun Einsätze, neun Treffer, dazu ist die Mannschaft noch ungeschlagen. Wie schätzt du die bisherigen Auftritte ein und ortest du noch Luft nach oben?
Ich bin sehr glücklich, wie es im Moment für die ganze Mannschaft läuft. Wir erzielen viele Tore und kassieren wenige. Die Mannschaft funktioniert, daher genieße ich den Moment und bin dankbar dafür. Ich will trotzdem immer besser werden und noch eine Schippe zulegen. Auch spielerisch geht bei uns noch mehr, aber da legt der Trainer ohnehin den Finger in die Wunde.
Die vergangenen drei Jahre waren alles andere als erfolgreich. Wie bewertest du den Umbruch?
Diese drei Jahre waren nicht Red-Bull-Salzburg-like, so ehrlich muss man sein. Der Klub hat davor so viele Titel geholt und so oft in der Champions League gespielt. Daher war ein Umbruch wichtig, auch wenn die Verantwortlichen um Marcus und Stephan damit ein Risiko eingegangen sind. Anfangs fragt man sich, wo man nach so vielen Ab- und Zugängen steht, da muss sich alles finden. Bei uns ist das aber echt gut gelaufen. Ich sehe einen Prozess, wo wir von Spiel zu Spiel besser werden.
Was stimmt dich zuversichtlich, dass Salzburg in dieser Saison Titel gewinnt?
Übers Reden alleine ist noch keiner Meister geworden. Der Klub gehört aber dahin, dass er jedes Jahr Titel gewinnt. Das wird nicht einfach, weil auch die Konkurrenz stark ist. Wenn ich unsere Spiele betrachte, sehe ich einen guten Prozess, es wird von Spiel zu Spiel flüssiger.
Wie bewertest du deine teils sehr jungen Mitspieler?
Ich will keinen Einzelnen hervorheben, aber wir haben etliche, wo ich mir schon gedacht habe, dass ich mit 18, 19 Jahren noch nicht so weit war. Es ist beeindruckend, wie staubig da manche spielen. Bleiben sie bodenständig und fit, traue ich ihnen alles zu.
Und wenn jemand abhebt, grätschst du dazwischen?
(lacht) Das ist mein Naturell.
Deine Geschichte unterscheidet sich von vielen Fußballern. Du hast eine Ausbildung zum Bürokaufmann gemacht, bist tagsüber im Anzug arbeiten gegangen und abends zum Training. Weißt du daher das Privileg, Profifußballer sein zu können, anders zu schätzen?
Das müssen andere beurteilen. Der Weg, den ich gegangen bin, hat mir aber früh beigebracht, zu wissen, wann ich was lernen, wann ich ins Training gehen und wann ich meine Arbeiten machen muss. Für diesen Weg bin ich sehr dankbar. Er war nicht der einfachste, hat mich aber auch ans Ziel geführt.
Hast du zwischenzeitlich den Glauben daran verloren?
Ja, schon ein wenig! Ich war mit 17, 18 Jahren ein großes Talent, habe im U21-Team gespielt. Da wird Erfolg erwartet. Der blieb aber aus, ich habe Umwege über Ungarn gemacht, hatte Verletzungen und schwierige Phasen.
Dann kam Lustenau?
Das war der vielleicht wichtigste Schritt in meiner Karriere. Er hat sich auch angefühlt wie der letzte. Die Frage war: Funktioniert es oder gehe ich zurück, um in der Schweiz einer normalen Arbeit nachzugehen. Die Nähe zu meiner Heimat, zur Familie, zu den Freunden war damals wichtig, denn der Gedanke, dass es der letzte Schritt im Fußball sein könnte, war da.
Gab es in Lustenau einen Schlüsselmoment?
Es war eher ein Weg, ein Prozess und jeden Tag Arbeit. Wenn du eine kleine Verletzung hast, nimmt sie dir den Glauben, aber wie es dann in Lustenau gelaufen ist – da habe ich Vertrauen in meinen Körper gewonnen, habe viele Tore erzielt und im Privatleben lief es auch. Dabei haben wir im Abstiegskampf gesteckt, obwohl wir oben mitspielen wollten.
Und dann?
Du fragst dich, ob der nächste Schritt kommt. Dem war nicht so, ich bin bei Austria Lustenau geblieben und habe dem Weg vertraut. Die zweite Saison war dann überragend, wir wurden Meister, ich wurde Torschützenkönig und dann habe ich noch meine Frau kennengelernt. Jeder einzelne Schritt hat mir etwas gegeben.
Wie wichtig war Geduld auf dem Weg nach oben?
Extrem wichtig! Ich sage immer: Wenn du aufgibst, ist das endgültig. Eine Phase ist eine Phase, auch wenn sie schwierig ist. Wenn du im Leben weißt, was du schaffen willst und wofür du stehst, kannst du weit kommen. Dafür musst du im Kopf klar sein. Es ist okay, wenn du mit 26 Jahren noch nicht dort bist, wo du mit 18 sein wolltest. Du musst nur im Hier und Jetzt sein.
Hast du auch Träume?
Die hatte ich immer. Ich hätte mir auch vieles leichter machen können, etwa, indem ich bei der Wiener Austria geblieben wäre, denn ich hatte dort eine unfassbar gute Zeit. Dann kam aber die Hertha, auch dort war es toll. Wir haben schon über eine Vertragsverlängerung gesprochen, dann kam Hoffenheim und so weiter. Mein Traum war immer, einmal in der Bundesliga zu spielen und zu einer WM zu fahren. Solche Träume pushen dich! Ich habe auch jetzt Ziele, denn ich will Titel gewinnen! Und das will ich schon in dieser Saison mit dem FC Red Bull Salzburg schaffen. Das müssen wir aber auch auf dem Platz zeigen.
Mein Traum war immer, in der Bundesliga zu spielen und zu einer WM zu fahren. Solche Träume pushen dich! Ich habe auch jetzt Ziele, ich will Titel gewinnen!
TABAKOVIC über seine Träume
Am Freitag in Ried zum Beispiel. Was erwartet euch dort?
Wir dürfen die Rieder nicht unterschätzen, das wird ein schwieriges Spiel. Sie haben ein cooles, kleines Stadion mit einer guten Atmosphäre. Solche Partien sind nie einfach. Wichtig ist, dass wir unseren Plan durchziehen.
Wohin man auch kommt, Fans mit Tabakovic-Trikots oder bosnischen Fahnen sind bereits dort. Wie erlebst du den Zuspruch der Fans?
Dafür bin ich sehr dankbar. Ich hätte das nicht erwartet, denn bislang habe ich das noch nie so erlebt. Es sind so viele Bosnier in den Stadien, so viele Flaggen. Es war mir bislang fremd, wie viele hier leben. Wir haben mit der Nationalmannschaft etwas geschaffen, da ist ein Hype entstanden. Dafür müssen wir alle dankbar sein.
Kannst du dich in Bosnien noch frei bewegen?
Nach der Qualifikation gegen Italien war es so, dass du nicht mehr ruhig durch die Stadt spazieren konntest. Es war wunderschön zu sehen, was das im Land ausgelöst und mit den Menschen gemacht hat. Wir waren alle eine Einheit. Ich fand es so cool, denn alle waren so nett, man wurde überall in den Cafés eingeladen. Auch meine Frau und Familie wurden angesprochen. Trotzdem ist das Vergangenheit und jetzt stehen neue Spiele an. Edin Dzeko hört auf und jetzt kommt ein Umbruch, von dem man über Jahre gehofft hat, dass er niemals kommt.
Inwieweit zeigt diese Begeisterung, welche Kraft der Sport und insbesondere der Fußball haben?
Das ist extrem! Das Land hat eine schwierige Vergangenheit und auch Gegenwart. Bei unserer erfolgreichen Qualifikation waren aber Hunderttausende auf den Straßen Sarajevos. Da hast du gemerkt, was es den Menschen bedeutet. Der Fußball hat ihnen ein Stück weit die Sorgen genommen. Das wird oft unterschätzt. Für mich war es der größte Moment meiner Karriere.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.